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Von der Ukraine lernen heißt siegen lernen: Nico Lange im DTalk über den Ukrainekrieg und Europas Verteidigung

Der Ukrainekrieg verändert die moderne Kriegsführung grundlegend. Im DNEWS24TV-DTalk erklärt Nico Lange, welche Rolle Drohnen, elektronische Kampfführung, Raketenabwehr und Massenproduktion inzwischen spielen – und was Deutschland und Europa daraus für Bundeswehr, Rüstungsindustrie und Verteidigungsfähigkeit lernen können.
Von der Ukraine lernen: Was der Krieg über moderne Kriegsführung und Europas Verteidigung zeigt

Wie hat sich der Krieg in der Ukraine verändert, welche Lehren lassen sich daraus für Deutschland und Europa ziehen und welche Bedeutung haben Drohnen, Raketenabwehr und eine leistungsfähige Rüstungsproduktion? Darüber spricht der Wehr­experte, Publizist und Politikwissenschaftler Nico Lange im DNEWS24TV-Interview.

Zu Beginn geht es um die internationalen Bemühungen um einen möglichen Waffenstillstand im Ukrainekrieg. Lange beschreibt insbesondere die Diskussion über einen sogenannten Energie-Waffenstillstand. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob sich Russland und die Ukraine darauf verständigen könnten, Angriffe auf Energieinfrastruktur und weitere bestimmte Ziele einzuschränken. Aus Langes Sicht kommt es dabei entscheidend auf eine klare Definition der Ziele an, die von Angriffen ausgenommen werden sollen.

Der Ukrainekrieg wird zum Drohnenkrieg

Ein zentraler Schwerpunkt des Gesprächs ist die technologische Veränderung der Kriegsführung. Lange beschreibt, wie stark Drohnen und elektronische Kampfführung das Geschehen an der Front inzwischen prägen. Gleichzeitig hätten klassische Waffensysteme wie Artillerie und Luftstreitkräfte ihre Bedeutung nicht verloren.

Nach Langes Darstellung entsteht damit eine Mischung aus Lowtech und Hightech: Neben hochentwickelten Raketen, elektronischer Kampfführung und verschiedenen Drohnensystemen spielt weiterhin Artillerie eine wichtige Rolle. Besonders die massenhafte Produktion vergleichsweise günstiger Drohnen verändert nach seiner Einschätzung die Anforderungen an moderne Streitkräfte.

Auch die russische Nutzung von Gleitbomben und Luftstreitkräften sowie die ukrainischen Fähigkeiten im Bereich unbemannter Systeme werden thematisiert. Lange sieht insbesondere die hohe Produktionsgeschwindigkeit und die verfügbare Masse von Waffensystemen als einen wichtigen Trend moderner Kriegsführung.

Kriegsmüdigkeit und die Frage nach Verhandlungen

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Diskussion über die Kriegsmüdigkeit in der Ukraine. Lange unterscheidet dabei zwischen der physischen und psychischen Belastung der ukrainischen Bevölkerung und der Frage, ob daraus eine Bereitschaft entstehen könnte, die Verteidigung einzustellen.

Seiner Einschätzung zufolge sind die Menschen in der Ukraine erheblich belastet, gleichzeitig sieht er aber keinen einfachen Zusammenhang zwischen Kriegsmüdigkeit und einem Ende des Krieges. Im Gespräch verweist er außerdem darauf, dass zwischen Russland und der Ukraine bereits verschiedene Gesprächskanäle bestehen, unter anderem bei Gefangenenaustauschen.

Lange stellt dabei einen grundlegenden Streitpunkt heraus: Die Ukraine sei nach seiner Darstellung zu einem sofortigen Waffenstillstand bereit, während Russland zunächst weitere Fragen klären wolle. Im Gespräch wird daraus die grundsätzliche Frage abgeleitet, wie Diplomatie, Waffenstillstand und Friedensverhandlungen miteinander verbunden werden können.

Munitionsmangel und die Grenzen westlicher Rüstungsproduktion

Ausführlich beschäftigt sich das Interview anschließend mit der Verfügbarkeit von Munition und Raketenabwehrsystemen. Lange weist auf Unterschiede zwischen verschiedenen Waffenkategorien hin und hebt insbesondere die begrenzte Produktion von Abfangraketen für Patriot-Systeme hervor.

Damit verbindet er eine grundsätzliche Kritik an der bisherigen westlichen Planung von Verteidigungsproduktion. Bestimmte militärische Fähigkeiten ließen sich nicht kurzfristig aufbauen, selbst wenn dafür zusätzliche finanzielle Mittel bereitgestellt würden. Produktionskapazitäten müssten langfristig geplant und aufgebaut werden.

Für die Ukraine sei insbesondere die Abwehr ballistischer Raketen ein kritischer Bereich. Gleichzeitig betrifft das Thema nach Langes Darstellung auch die USA und europäische NATO-Staaten.

Bundeswehr: Mehr Geld allein reicht nach Langes Einschätzung nicht

Im zweiten großen Themenblock geht es um die Modernisierung der Bundeswehr. Lange erkennt zwar Veränderungen und Reformbemühungen an, äußert aber deutliche Kritik daran, wie zusätzliche Verteidigungsmittel eingesetzt werden.

Sein zentraler Punkt: Mehr Geld führe nicht automatisch zu mehr Verteidigungsfähigkeit. Notwendig seien aus seiner Sicht auch strukturelle Veränderungen und eine klare Strategie.

Als besonders relevant nennt Lange unter anderem:

  • Drohnenabwehr

  • digitale Führungs- und Kommunikationssysteme

  • satellitengestützte Fähigkeiten

  • moderne Luftverteidigung

  • ausreichende Munitionsvorräte

  • eigene europäische Produktionskapazitäten

Dabei stellt sich laut Lange die Frage, ob Deutschland seine zusätzlichen Verteidigungsausgaben tatsächlich auf die militärischen Fähigkeiten konzentriert, die angesichts der Erfahrungen aus dem Ukrainekrieg besonders wichtig geworden sind.

Russland, China und die europäische Abschreckung

Im letzten Teil des Gesprächs weitet sich der Blick über die Ukraine hinaus. Thema sind russische Aktivitäten im europäischen Luftraum sowie chinesische Aktivitäten im Indopazifik.

Lange beschreibt dabei aus seiner Sicht ein Problem der europäischen Abschreckung: Wenn Grenzverletzungen und hybride Aktivitäten keine klaren Konsequenzen hätten, könne dies dazu beitragen, dass sich eine sogenannte Grauzone ausweitet.

Abschreckung bedeute nach seiner Argumentation nicht allein, über militärische Fähigkeiten zu verfügen. Entscheidend sei auch, glaubhaft zu vermitteln, dass diese Fähigkeiten im Ernstfall eingesetzt werden könnten.

Im Zusammenhang mit russischen Aktivitäten in Europa spricht Lange außerdem über die Reaktion Deutschlands und die Unterstützung der Ukraine. Er verweist dabei unter anderem auf Maßnahmen gegen russische diplomatische Einrichtungen sowie auf eine verstärkte deutsche Unterstützung bei der Zielaufklärung für die Ukraine.

Fazit des DTalk

Das Gespräch mit Nico Lange zeichnet ein Bild eines grundlegend veränderten modernen Krieges. Der Ukrainekrieg dient dabei als Ausgangspunkt für eine breitere Diskussion über Drohnen, elektronische Kampfführung, Raketen, Luftverteidigung, Massenproduktion von Waffensystemen und die Bedeutung einer leistungsfähigen Rüstungsindustrie.

Gleichzeitig geht es um eine zentrale Frage für Deutschland und Europa: Reicht es aus, mehr Geld für Verteidigung auszugeben, oder müssen Streitkräfte, Rüstungsproduktion und strategische Planung grundlegend verändert werden?

Lange verbindet die Erfahrungen aus dem Ukrainekrieg mit der Frage nach der künftigen europäischen Verteidigungsfähigkeit und der Glaubwürdigkeit westlicher Abschreckung gegenüber Russland und China.

Der DTalk im DNEWS24Podcast
Nico Lange

Nico Lange ist Gründer und Direktor des Institut für Risikoanalyse und Internationale Sicherheit (IRIS).

Lange hat einen Magister in Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Informatik. Von 1993-2000 diente er als Zeitsoldat der Bundeswehr. 2004-2006 forschte und lehrte er mit einem Stipendium der Robert Bosch Stiftung in St. Petersburg in Russland. 2006-2012 war Lange Leiter des Auslandsbüros Ukraine der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kiew. Er leitete 2017-2018 das Auslandsbüro USA der Konrad-Adenauer-Stiftung in Washington D.C. und war 2012-2017 stellvertretender Hauptabteilungsleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung für Politik und Beratung. Er verantwortete auch das Team Innenpolitik und eine Arbeitsgruppe zur Zukunft der Volksparteien. Nico Lange diente von 2019 bis 2022 als Leiter des Leitungsstabes im Bundesministerium der Verteidigung. Nico Lange ist Senior Fellow bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Er ist außerdem Senior Fellow, Transatlantic Defense and Security beim Center for European Policy Analysis (CEPA) in Washington D.C. und Senior Advisor bei GLOBSEC. Lange hat Lehraufträge am Lehrstuhl für Militärgeschichte der Universität Potsdam und an der Hertie School of Governance in Berlin.

Mehr Informationen: nicolange.eu.

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Bild: Werner Patzelt © DNEWS24

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