Vom Milchmann zum Ehrenbürger der City of London
Seit mehr als 40 Jahren bringt Steve Hayden Milch und andere Milchprodukte zu den Menschen im Osten Londons. Nun wurde der 68-Jährige für seinen Einsatz für die Gemeinschaft mit der „Freedom of the City of London“ ausgezeichnet. Für ihn ist es eine der größten Ehrungen seines Lebens.
Steve Hayden beginnt seinen Arbeitstag, wenn die meisten Menschen noch schlafen. Kurz vor drei Uhr morgens verlässt der 68-Jährige sein Zuhause im Londoner Stadtteil Tottenham und macht sich auf den Weg zu seinem Depot in Wanstead. Dort belädt er seinen Milchwagen – wie schon seit Jahrzehnten.
Seit 1984 ist Hayden als Milchmann unterwegs. Was einst als Nebenjob nach der Schule und während der Ferien begann, wurde zu seinem Lebensberuf. Nun ist dieser jahrzehntelange Einsatz für die Menschen in seiner Umgebung auf besondere Weise gewürdigt worden: Bei einer Zeremonie in der Guildhall wurde ihm die „Freedom of the City of London“ verliehen. Familie und Freunde begleiteten ihn bei dem festlichen Anlass.
Die Auszeichnung gehört zu den traditionsreichsten Ehren der britischen Hauptstadt. Die sogenannte Freiheit der City of London wird nach Angaben der Stadt bereits seit dem Mittelalter verliehen. Sie soll Menschen würdigen, die sich um London oder das öffentliche Leben verdient gemacht haben.
Für Hayden ist die Ehrung etwas ganz Besonderes. „Was für ein fantastischer Tag“, sagte er. Abgesehen von der Geburt seiner Kinder sei dies wohl der beste Tag seines Lebens.
Ein Beruf, der fast verschwunden ist
Dabei steht Hayden mit seinem Beruf für eine Londoner Tradition, die längst weitgehend verschwunden ist. 1970 wurden in Großbritannien noch 99 Prozent der Milch direkt an die Haustür geliefert. Heute sind es nur noch rund drei Prozent.
Hayden erlebte den Wandel selbst. Er begann seine Tätigkeit zehn Jahre vor der Deregulierung des britischen Milchmarktes und der Abschaffung des Milk Marketing Board. Mit dem Aufstieg der Supermärkte, niedrigeren Preisen und veränderten Lebensgewohnheiten verlor der klassische Milchmann zunehmend an Bedeutung.
Hinzu kam, dass viele Menschen tagsüber nicht mehr zu Hause waren. Auch schlechter Service trug dazu bei, dass die traditionelle Milchlieferung an Popularität verlor.
Hayden aber blieb seinem Beruf treu. Den größten Teil seiner Karriere verbrachte er damit, die Menschen in Wanstead mit Milch zu versorgen.
Mehr als nur Milch vor der Haustür
Sein Erfolgsgeheimnis sieht der 68-Jährige nicht allein in der Qualität seiner Arbeit. Es ist der persönliche Kontakt.
Hayden beschreibt sich selbst als zugänglich und freundlich. Ein Lächeln könne Barrieren abbauen – auch dann, wenn jemand gerade einen schlechten Tag habe. Vor allem aber interessiere er sich für die Menschen und ihre Geschichten.
Genau dieser menschliche Kontakt scheint ihn zu einem besonderen Teil der Gemeinschaft gemacht zu haben.
Das zeigte sich sogar in Situationen, in denen es um Leben und Tod ging. Zweimal bemerkte Hayden, dass ältere Kundinnen ihre Milch nicht hereingeholt hatten. Sein Verdacht, dass etwas nicht stimmte, erwies sich als richtig. In beiden Fällen fanden Polizisten die Frauen nach einem Notruf Haydens hilflos in ihren Wohnungen vor.
Eine der Frauen war 93 Jahre alt. Sie lebte später noch bis zum Alter von 101 Jahren. Eine andere bedankte sich persönlich bei Hayden dafür, dass er ihr möglicherweise das Leben gerettet hatte.
Für den Milchmann selbst scheint solche Aufmerksamkeit selbstverständlich zu sein. Er habe lediglich bemerkt, dass etwas nicht stimmte.
„Ein Pfeiler der Gemeinschaft“
Brendan Barns von der City of London Corporation bezeichnete Hayden als „Pfeiler der Gemeinschaft“. Menschen wie er zeigten, dass der Dienst an der Gemeinschaft niemals aus der Mode kommen dürfe.
Dass ausgerechnet ein Milchmann diese traditionsreiche Auszeichnung erhält, ist bemerkenswert. In der offiziellen Empfängerliste der City of London ist Hayden der einzige ausdrücklich als Milchmann geführte Geehrte. Andere Freemen finden sich dort allerdings als Milch- oder Molkereihändler.
Für Hayden selbst steht weniger die historische Bedeutung seines Berufs im Mittelpunkt als die Menschen, denen er täglich begegnet.
An Ruhestand denkt er trotz seiner 68 Jahre offenbar noch nicht. „Ich mache weiter, solange mein Körper es will“, sagt er. Seine Kunden hätten ihm schließlich deutlich gemacht, dass sie nicht wollten, dass er aufhört.
Und so dürfte Steve Hayden auch weiterhin zu nachtschlafender Zeit seinen Milchwagen beladen. Ein Beruf, der in Großbritannien fast verschwunden ist – aber für die Menschen in seinem Viertel offenbar noch immer einen Wert besitzt, der weit über die Lieferung einer Flasche Milch hinausgeht.