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Viele Vorurteile – wenig Belege: Wie engagiert sind Boomer‑Großeltern wirklich?

In sozialen Netzwerken entsteht schnell der Eindruck, Großeltern der Babyboomer‑Generation hätten wenig Lust auf ihre Enkel und würden sich zunehmend aus der Betreuung zurückziehen. Eine aktuelle Untersuchung zeigt jedoch ein deutlich differenzierteres Bild: Die Generation der heute 60‑ bis 70‑Jährigen bleibt für Familien weiterhin eine wichtige Stütze.

Auf Plattformen wie TikTok und Instagram schildern viele junge Eltern, dass sie sich von ihren eigenen Eltern weniger unterstützt fühlen, als sie es sich wünschen. Manche Großeltern erklären offen, warum sie sich nicht so stark einbringen können: Viele arbeiten bis zum Renteneintrittsalter weiter und fühlen sich nach einer vollen Arbeitswoche erschöpft. Andere geben zu, dass ihnen heute die Geduld für kleine Kinder fehle.
Gleichzeitig werden in den sozialen Medien harte Urteile gefällt. Einzelne Stimmen bezeichnen Boomer‑Großeltern als „egoistisch“ oder „die schlechtesten Großeltern aller Zeiten“. Doch diese Wahrnehmungen spiegeln laut Forschung nicht die tatsächliche Entwicklung wider.

Forschung widerspricht dem Social‑Media‑Bild

Christa Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), betont, dass die Datenlage ein anderes Bild zeichnet. In Gesprächen mit der Frankfurter Rundschau erklärt sie, dass sich die Beteiligung der Großeltern an der Kinderbetreuung in den vergangenen zwei Jahrzehnten kaum verändert habe. Der oft behauptete Rückzug sei empirisch nicht nachweisbar.

Eine Analyse des BiB aus dem Jahr 2022 zeigt: Trotz des Ausbaus der Kindertagesbetreuung bleiben Großeltern ein zentraler Bestandteil familiärer Unterstützung. Rund 30 Prozent der Kinder unter drei Jahren werden regelmäßig von Oma oder Opa betreut. Bei älteren Kindern im Kindergarten‑ und Grundschulalter liegt der Anteil bei etwa 20 Prozent. Zählt man gelegentliche Hilfe hinzu, unterstützt sogar etwa die Hälfte aller Großeltern Familien mit Kindern unter sechs Jahren.

Kita‑Ausbau verdrängt Großeltern nicht

Für die Untersuchung wertete das BiB repräsentative Studien aus, die über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hinweg Eltern, Kinder und Großeltern befragten. Das Ergebnis: Die Großelternbetreuung ist stabil geblieben. Zwar nutzen heute mehr Familien ganztägige Kita‑Angebote, doch dies hat die Bedeutung der Großeltern nicht geschmälert.

Spieß fasst es so zusammen: Der Ausbau der Kindertagesbetreuung habe die familiäre Unterstützung nicht ersetzt, sondern ergänze sie. Viele Familien setzten heute auf eine Kombination aus Kita, Eltern und Großeltern.

Nähe schafft Unterstützung – und Zufriedenheit

Ein weiterer Befund der Analyse: Die räumliche Nähe spielt eine große Rolle. Leben Großeltern im selben Ort, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie regelmäßig bei der Betreuung helfen, auf rund 40 Prozent. Wohnen sie weiter entfernt, halbiert sich dieser Wert.

Die Unterstützung wirkt sich zudem positiv auf das Wohlbefinden der Familien aus. Besonders Mütter profitieren: Wenn ihre Kinder im Kitaalter regelmäßig von Großeltern betreut werden, steigt ihre Zufriedenheit mit der Betreuungssituation deutlich.

Warum Großeltern künftig noch wichtiger werden könnten

Die sinkende Geburtenrate in Deutschland könnte die Rolle der Großeltern langfristig sogar stärken. Weniger Enkel bedeuten, dass Großeltern mehr Zeit und Aufmerksamkeit pro Kind aufbringen können. Gleichzeitig weist Spieß darauf hin, dass spätere Renteneintritte die Verfügbarkeit von Großeltern einschränken könnten – ein Faktor, der die familiäre Unterstützung künftig beeinflussen wird.

Bild: prostooleh, Drazen Zigic freepik © DNEWS24

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