DNEWS24 – Das digitale Magazin für Demografie und Demokratie
In Frankreich hat die staatliche Post einen ungewöhnlichen, aber viel beachteten Schritt gewagt: Sie erweitert ihre klassische Zustellrolle und bietet einen Besuchsdienst für alleinlebende ältere Menschen an. Das Programm trägt den Namen „Veiller sur mes parents“ – Auf meine Eltern achten und richtet sich an Familien, die sich mehr Sicherheit für ihre Angehörigen wünschen, aber selbst nicht täglich vor Ort sein können. Die Idee ist einfach, aber wirkungsvoll: Briefträger, die ohnehin regelmäßig durch die Straßen gehen, sollen zusätzlich nach älteren Menschen schauen, kurze Gespräche führen und anschließend eine Rückmeldung an die Angehörigen geben.
Das Angebot funktioniert über ein Abonnement, das zwischen zwei und sechs Besuchen pro Woche umfasst. Je nach Häufigkeit variieren die Kosten, die jedoch steuerlich begünstigt sind. Wer sich für die maximale Betreuung entscheidet, zahlt monatlich 135 Euro – nach Steuerabzug reduziert sich der Preis für zwei Besuche pro Woche auf rund 27,50 Euro. Die Angehörigen erhalten nach jedem Besuch eine SMS mit einer kurzen Einschätzung: Ist alles in Ordnung? Wirkt die Person stabil? Gibt es Auffälligkeiten? Zusätzlich können über den Postboten kleine Nachrichten an die Eltern oder Großeltern übermittelt werden, was dem Dienst eine persönliche Note verleiht.
Das Modell wurde zunächst in Westfrankreich getestet und stieß dort auf große Zustimmung. Viele ältere Menschen leben allein, oft in ländlichen Regionen, in denen soziale Kontakte rar sind. Die Post berichtet, dass Briefträger schon heute häufig die einzigen Personen sind, die regelmäßig an der Haustür älterer Menschen klingeln. Manche helfen spontan beim Wechseln einer Glühbirne oder geben Hinweise, wenn ihnen etwas ungewöhnlich erscheint. Mit dem neuen Programm wird diese informelle Unterstützung nun professionalisiert und strukturiert.
Um den Dienst landesweit anbieten zu können, sollen rund 27.000 der insgesamt 73.000 Postboten eine spezielle Schulung erhalten. Dabei geht es nicht um pflegerische Tätigkeiten, sondern um Sensibilität, Beobachtungsgabe und den Umgang mit älteren Menschen, die möglicherweise gesundheitlich eingeschränkt sind. Die Post hat zudem Anteile an einem Unternehmen erworben, das auf Seniorenbetreuung spezialisiert ist – ein Zeichen dafür, dass man das Thema langfristig ausbauen möchte.
Der Hintergrund dieser Entwicklung ist vielschichtig. Zum einen verliert die französische Post seit Jahren Einnahmen, weil immer weniger Briefe verschickt werden. Zum anderen steht Frankreich vor einer demografischen Herausforderung: Bis 2030 wird die Zahl der über 90‑Jährigen voraussichtlich auf über eine Million steigen. Viele dieser Menschen leben allein, und die familiären Strukturen haben sich verändert. Kinder wohnen oft weit entfernt, berufliche Verpflichtungen lassen regelmäßige Besuche nicht immer zu. Die Post sieht darin eine Chance, ihre gesellschaftliche Rolle neu zu definieren.
Parallel dazu entwickelt „La Poste“ weitere Angebote für ältere Menschen. Ein Beispiel ist das Tablet „Ardoiz“, das speziell für Senioren konzipiert wurde. Es soll den Zugang zum Internet erleichtern und digitale Kommunikation vereinfachen. Der Name spielt auf das französische Wort „ardoise“ an – die kleine Schiefertafel, auf der früher Schüler schrieben und die im übertragenen Sinn auch eine offene Rechnung bezeichnet. Das Tablet soll symbolisieren, dass digitale Teilhabe keine Hürde sein muss.
Nicht alle begrüßen die neue Strategie. Die Gewerkschaft SUD PTT kritisiert, dass soziale Kontakte kommerzialisiert würden und die Post damit Aufgaben übernehme, die eigentlich in den Bereich der sozialen Dienste fallen. Befürworter hingegen sehen in dem Modell eine pragmatische Antwort auf die Realität vieler älterer Menschen, die sich über regelmäßige Besuche freuen und dadurch mehr Sicherheit gewinnen.
Fest steht: Der Besuchsdienst der französischen Post ist ein Beispiel dafür, wie traditionelle Institutionen sich neu erfinden können, um gesellschaftliche Herausforderungen zu meistern. Er zeigt, dass Demografie nicht nur ein statistisches Thema ist, sondern den Alltag vieler Menschen prägt – und dass kreative Lösungen entstehen können, wenn man vertraute Strukturen weiterdenkt.
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Hilke Maunder, 1961 in Hamburg geboren, kam nach ihrem Anglistikstudium und Volontariat 1989 als Redakteurin zu den Lübecker Nachrichten, berichtete aus Mecklenburg und den “Fünf Neuen Ländern”. Danach ging sie als Korrespondentin ins Baltikum, nach China, Vietnam und nach Australien. Hilke Maunder arbeitete für Tony Blair.
Seit 2010 berichtet sie aus Frankreich. 2014 wurde sie für ihre Arbeit und ihren Blog „Mein Frankreich“ mit der Médaille de Tourisme ausgezeichnet, 2023 mit dem Gutedelpreis.
In DNWS24 hat sie in verschiedenen DTalks über Frankreich informiert. Mit „Salut, ma France!“ hat Hilke Maunder nun ein eigenes Format in DNEWS24TV und berichtet alle zwei Wochen über Land und Leute.
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Bild: Hilke Maunder © DNEWS24
Kontakt: Redaktion@DNEWS24.EU
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