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Kassen und KVen versenken weitere Millionen – neue Gutachten belasten Verantwortliche schwer

Der Finanzskandal um riskante Geldanlagen von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen wächst weiter. Neue Recherchen zeigen: Noch mehr Beitragsgelder sind verloren, noch mehr Verantwortliche geraten unter Druck – und erstmals tauchen interne Gutachten auf, die Investitionen trotz strenger Regeln als zulässig erscheinen ließen.

Der Skandal um fehlgeleitete Beitragsgelder bei Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) nimmt eine neue Dimension an. Nach gemeinsamen Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung hat nun auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen‑Lippe rund 40 Millionen Euro in fragwürdige Immobilienfonds des Verius‑Komplexes investiert. Erst vor wenigen Tagen hatte die AOK Bremen eingeräumt, 5,5 Millionen Euro in denselben Fonds verloren zu haben. Beide Institutionen haben externe Kanzleien beauftragt, die Vorgänge aufzuarbeiten und mögliche Haftungsansprüche zu prüfen.

Damit steigt die bislang bekannte Summe der Fehlinvestitionen auf knapp 220 Millionen Euro. Bereits Mitte Juli hatten die beteiligten Medien 173 Millionen Euro öffentlich gemacht. Aus Finanzkreisen ist nun sogar von über 500 Millionen Euro die Rede, die insgesamt von 28 Krankenkassen und KVen in die Fonds geflossen sein könnten. Viele Einrichtungen schweigen weiterhin zu ihren Investments – und nach aktuellem Stand gilt ein Großteil des Geldes als verloren.

Beitragsgelder in Hochrisikofonds – trotz strenger Vorschriften

Die betroffenen Gelder stammen aus Mitgliedsbeiträgen der Krankenkassen und KVen. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine konservative, risikoarme Anlagepolitik. Genau damit sollen die Finanzinstitute die Kassen jedoch überzeugt haben: NDR, WDR und SZ liegen mehrere Gutachten – unter anderem von KPMG – vor, die eine grundsätzliche Investierbarkeit der Fonds trotz strenger Regeln bestätigen. Diese Gutachten wurden gezielt an Krankenkassen verschickt, um sie zum Einstieg zu bewegen, wie die IKK Classic und die AOK Bremen berichten. KPMG verweist auf „gesetzliche Verschwiegenheitspflichten“ und äußert sich nicht zu den Vorgängen.

Dabei warnten die offiziellen Verkaufsunterlagen des Verius‑Fonds deutlich: Mehr als 25 Risiken, darunter drei als „hoch“ eingestufte, werden dort aufgeführt. Zudem heißt es ausdrücklich, dass ein teilweiser oder vollständiger Verlust des Kapitals möglich sei. In späteren Bilanzen tauchen vor allem Investments mit 15 bis 18 Prozent Verzinsung auf – ein klares Indiz für Hochrisikogeschäfte, die den Anlagevorschriften der Kassen und KVen widersprechen.

Der Fondsverwalter Hauck & Aufhäuser Fund Services S.A. betont hingegen, man habe „von Beginn an maximale Transparenz“ geschaffen. Alle Investments und Zinssätze seien in den frei zugänglichen Jahresabschlüssen dokumentiert.

Kassen beklagen fehlende Informationen – und widersprüchliche Unterlagen

Viele angefragte Kassen und KVen äußern sich nicht zu den im Prospekt genannten Risiken. Die BKK Gildemeister Seidensticker lässt über ihre Anwälte mitteilen, dass beim Kauf der ersten Tranche der Verkaufsprospekt noch gar nicht vorgelegen habe. Die bereitgestellten Unterlagen hätten keine vergleichbare Risikoaufstellung enthalten. Zudem sei man nicht rechtzeitig über Investmentstrukturen und Zinssätze informiert worden.

Die AOK Bremen verweist auf ein KPMG‑Gutachten, das die Fonds als grundsätzlich konform zu den Vorgaben des Sozialgesetzbuchs IV bewertet habe – eine Einschätzung, die nun im Zentrum der Kritik steht.

Gerichte sollen klären, wer Verantwortung trägt

Fünf Krankenkassen und KVen haben inzwischen Klage eingereicht. Vor dem Landgericht Frankfurt wird sich zeigen, ob die Einrichtungen unzulässige Risiken eingegangen sind – und ob Berater, Fondsanbieter oder interne Entscheidungsträger haftbar gemacht werden können.

Der Schaden ist immens, das Vertrauen erschüttert, und die Aufarbeitung hat gerade erst begonnen.

Bild: Gemini KI © DNEWS24

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