Italian Secrets: Piemont – Die Kunst des langsamen Genusses
Nachdem wir letzte Woche als Thema Ligurien behandelt haben, dachte ich, wir reisen gar nicht großartig, sondern bleiben im Norden Italiens, begeben uns nur ein wenig nach oben, eben nach Piemont.
Das Piemont ist nicht nur die Wiege der Slow Food-Bewegung, sondern der Inbegriff eines Lebensgefühls, das Zeit, Aufmerksamkeit und Wertschätzung wieder in den Mittelpunkt des Essens stellt. 1986 wurde in Bra, einem kleinen Ort südlich von Turin, die weltweit bekannte Bewegung gegründet – als Antwort auf den zunehmenden Verlust regionaler Küchen, handwerklicher Produkte und traditioneller Herstellungsweisen. Der Gedanke dahinter: Essen ist Kultur, Identität und Lebensqualität. Und genau das spürt man im Piemont auf jedem Teller, in jedem Glas, in jedem Gespräch mit den Menschen, die ihre Produkte mit echter Leidenschaft herstellen.
Bevor wir uns allerdings den kulinarischen Genüssen widmen, wollen wir auch etwas für unsere Bildung tun und mal schauen, was denn das Piemont geschichtlich so zu bieten hat.
Starten möchte ich mit Orta San Giulio, bekannt als das stille Juwel am Lago d’Orta.
Der Ort gilt als einer der romantischsten und spirituellsten Plätze Norditaliens – und ist dennoch viel weniger bekannt als der Lago Maggiore oder der Comer See.
Doch warum ist er so besonders?
- Traumhafte mittelalterliche Altstadt mit schmalen Gassen.
- Am kleinen Hauptplatz öffnet sich der Blick auf die Isola San Giulio.
- Auf der Insel: ein Benediktinerinnenkloster und der „Weg des Schweigens und Zuhörens“ – eine einmalige spirituelle Erfahrung.
- Der Sacro Monte di Orta ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, mit 20 Freskenkapellen über das Leben des heiligen Franziskus.
Besonderer Tipp: Zum Sonnenuntergang am Ufer sitzen, wenn Glocken von der Insel klingen. Magisch.
Der zweite Tipp ist Saluzzo – die kleine „mittelalterliche Königin“ des Piemont.
Während der erste Ort sich weit oben im Norden befindet, sind wir nun bereits südlich von Turin. Saluzzo ist ein Ort, der in Deutschland kaum bekannt ist, aber zu den schönsten Mittelalterstädten Italiens zählt.
Warum besonders?
- Alte Markgrafenstadt mit perfekt erhaltenem mittelalterlichen Kern.
- Die verwinkelten Gassen führen hinauf zu herrlichen Aussichtspunkten.
- Die Casa Cavassa ist ein kleines Museum voller Renaissancekunst – ein echter
Geheimtipp: Saluzzo gilt als „Stadt der Kunsthandwerker“: Holzschnitzer, Instrumentenbauer, Restauratoren.
Besonderer Tipp: Rundgang durch die Oberstadt (La Castiglia) – dort liegt die Festung der Markgrafen, heute Museum und Kulturzentrum.
Mein letzter Tipp für heute ist Cherasco – die Stadt der Balance, Geschichte und… Friedensverträge. Cherasco befindet sich in etwas auf der Höhe von Saluzzo, nur ca. 40 km östlich davon.
Cherasco ist ein kleiner Ort zwischen Langhe und Roero, reich an Kultur und ruhiger Eleganz.
Warum besonders?
- Gegründet 1243 mit geometrischem Grundriss — unglaublich klar strukturiert.
- Schauplatz zahlreicher Friedensverträge (u. a. 1631 über das Haus Savoyen).
- Berühmt für seine Schmetterlingskolonie (Associazione Amici degli Insetti), ein kleines Naturwunder.
- Herrliche Barockportiken, ruhige Plätze, wenig Tourismus.
Besonderer Tipp: Der Bogen „Arco del Belvedere“ mit Blick auf die gesamte Langhe-Landschaft – bei Sonnenuntergang unvergesslich.
Doch nun geht es zum Kulinarischen…
Das Piemont ist eine Region der Genuss-Handwerker
Neben den berühmten Weinen und Trüffeln ist das Piemont ein Paradies für Liebhaber echter, handgemachter Qualität. Hier entstehen Produkte, die man sonst kaum findet – oft in kleinen Mengen und in jahrhundertealter Tradition.
Was das Piemont besonders macht
Käsekunst auf Weltklasse-Niveau
Die Region beherbergt einige der feinsten Käsesorten Italiens – viele davon DOP-geschützt.
- Castelmagno aus dem Valle Grana – würzig, edel, leicht bröckelig
- Robiola di Roccaverano – ein zarter, cremiger Ziegenkäse
- Toma Piemontese – einer der ältesten Käse Italiens, unglaublich vielseitig
Viele der kleinen Almkäsereien arbeiten bis heute nach alten Techniken und setzen komplett auf natürliche Reifung.
Die Haselnuss aus dem Langhe-Gebiet
Die Nocciola Piemonte IGP gilt als die aromatischste und beste Haselnuss der Welt.
Sie ist die Grundlage für unzählige Spezialitäten – von Haselnusscreme über Gebäck bis zu Desserts wie Torta di Nocciole. Ihr intensives Aroma entsteht durch die Kombination aus Boden, Klima und traditionellen Röstverfahren.
Süße Verführungen – die Welt der Piemonteser Dolci
Das Piemont ist die Heimat der berühmten Gianduiotti, jener zarten Schokoladentrüffel aus Kakao und gerösteten Haselnüssen. Ebenso stammt die Baci di Dama-Tradition (zarte „Damenküsse“ aus Haselnussteig) aus dieser Region. Turin ist außerdem Italiens Hauptstadt der Schokolade – mit Cafés, die Schokoladenhandwerk auf höchstem Niveau pflegen.
Slow-Food-Presidi
Kaum eine Region Italiens hat so viele Slow Food Presidi – also vom Slow-Food-Verband geschützte Produkte.
Dazu gehören u.a.:
- Fassona-Piemontese-Rind – eines der hochwertigsten Rinder weltweit
- Antico Mais Pignoletto – eine alte Maissorte für Polent
- Cipolla Bionda di Cureggio – eine süße, aromatische Zwiebel
- Riso di Baraggia Biellese e Vercellese – die hochwertigste Carnaroli-Variante Italiens
Diese Presidi zeigen, wie stark die Region ihre kulinarische Vielfalt bewahrt und schützt.
Eine Landschaft, die zum Genießen zwingt
Die weichen Hügel der Langhe, Roero und des Monferrato – alle UNESCO-Weltkulturerbe – sind nicht nur schön anzusehen, sondern prägen den Rhythmus der Menschen.
Hier nimmt man sich Zeit.
Zeit zum Kochen.
Zeit zum Essen.
Zeit zum Leben.
Warum das Piemont mehr ist als eine Genussregion
Das Piemont steht symbolisch für einen bewussten Lebensstil.
Für Produkte, die mit Geduld wachsen dürfen.
Für Menschen, die Wissen über Generationen bewahren.
Für einen Genuss, der nicht laut ist – sondern tief, warm und nachhaltig.
Genug vom Essen geredet, nun wollen wir tatsächlich etwas Feines genießen. Heute gibt es die Tajarin al burro e salvia (Frische piemontesische Eiernudeln mit Butter und Salbei)
Zutaten (für 4 Personen)
Für die Tajarin:
- 400 g Weizenmehl Typ 00
- 4–5 Eigelb (klassisch sogar 8–10 Eigelb auf 400 g Mehl – die Tajarin werden goldgelb)
- 1 ganzes Ei
- 1 Prise Salz
- 1 TL Olivenöl
Für die Sauce:
- 120–150 g gute Butter
- 8–10 frische Salbeiblätter
- Salz
- Frisch geriebener Parmigiano Reggiano oder Grana Padano
Zubereitung – Schritt für Schritt
Teig herstellen
- Das Mehl auf die Arbeitsfläche geben und eine Mulde formen.
- Eigelb und das ganze Ei hineingeben, Salz und ggf. einen Spritzer Olivenöl zufügen.
- Mit einer Gabel die Eier verrühren und nach und nach Mehl einarbeiten.
- Sobald der Teig fester wird, mit den Händen zu einem geschmeidigen, elastischen Teig kneten (mindestens 8–10 Minuten).
- In Frischhaltefolie wickeln und mindestens 30 Minuten ruhen lassen.
Tajarin ausrollen und schneiden
- Den Teig in Portionen teilen und jeweils sehr dünn ausrollen – traditionell dünner als Tagliatelle, oft Stufe 6–7 bei der Nudelmaschine.
- Die Teigbahnen leicht bemehlen
- Zu einer lockeren Rolle falten oder durch den Schneider der Nudelmaschine drehen.
- Die Tajarin sollten sehr dünn sein: traditionell 2–3 mm.
- Auf ein bemehltes Tuch legen und leicht antrocknen lassen.
Butter-Salbei-Sauce zubereiten
- Die Butter bei mittlerer Hitze in einer Pfanne schmelzen.
- Salbeiblätter hinzufügen und 2–3 Minuten vorsichtig brutzeln lassen, bis die Butter duftet.
- Sie darf leicht nussig werden, aber nicht braun verbrennen.
- Vom Herd nehmen und warm halten.
Tajarin kochen
- Einen großen Topf mit Salzwasser zum Kochen bringen.
- Tajarin hineingeben – sie brauchen nur 1–2 Minuten, weil sie so dünn sind.
- Mit einer Zange oder Schaumkelle direkt zur Butter-Salbei-Pfanne geben.
- Etwas Pastawasser zufügen, um eine seidig glänzende Emulsion zu erhalten.
- Sanft schwenken, bis die Nudeln komplett überzogen sind.
Anrichten
Sofort servieren. Großzügig mit frisch geriebenem Parmigiano oder Grana bestreuen. Je ein frisches Salbeiblatt obenauf.
Weinempfehlung
Zu Tajarin al burro e salvia passen idealerweise Weißweine:
- Roero Arneis DOCG – frisch, blumig, typisch piemontesisch
- Langhe Favorita – die piemontesische Variante der Vermentino-Traube
Buon appetito und bleiben Sie gesund!