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Heute setzen wir unsere Reise fort. Die Via Emilia liegt wieder vor uns. Mehr als 2.000 Jahre hat diese Straße auf dem Buckel – und trotzdem ist sie keineswegs nur ein Relikt aus römischer Zeit. Sie ist bis heute eine Lebensader der Emilia-Romagna.
Im ersten Teil unserer Reise haben wir bereits einige ihrer Geschichten kennengelernt und einen kulinarischen Halt in Reggio Emilia gemacht.
Heute steigen wir wieder ins Auto. Und diesmal fahren wir weiter Richtung Osten – bis ans Meer.
Unser Ziel heißt Rimini. Dazwischen liegen Modena, Bologna, Imola, Faenza, Forlì und Cesena. Und je weiter wir uns der Adriaküste nähern, desto deutlicher verändert sich die Landschaft.
Noch sind wir in der Emilia. Unser erster Halt ist Modena.
Hier treffen zwei Dinge aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite: Geschwindigkeit. Ferrari, Maserati, Pagani – die Emilia-Romagna ist weltberühmt für ihre Motoren und ihre Leidenschaft für schnelle Autos. Auf der anderen Seite: Geduld. Denn Modena ist auch die Heimat des Aceto Balsamico Tradizionale.
Während ein Sportwagen innerhalb weniger Sekunden auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt, kann der traditionelle Balsamico über viele Jahre in Holzfässern reifen.
Ich mag diesen Gegensatz. Vielleicht erzählt er sogar etwas über die Menschen dieser Region.
Sie können schnell. Aber sie wissen auch, wann etwas Zeit braucht.
Und genau diese Mischung aus Leidenschaft, Handwerk und Geduld begegnet uns entlang der gesamten Via Emilia immer wieder. Wir fahren weiter.
Bologna hat gleich drei Beinamen:
Und spätestens bei diesem Namen wissen wir: Hier sind wir richtig.
Denn Bologna gehört zu den großen kulinarischen Hauptstädten Italiens. Tortellini, Tagliatelle al ragù, Mortadella – vieles, was wir heute mit der italienischen Küche verbinden, hat hier seine Heimat oder zumindest eine besonders wichtige Tradition. Und natürlich begegnet uns auch hier die Pasta. Aber eine Pasta, die uns auf unserer heutigen Reise noch einmal begegnen wird, ist etwas ganz anderes. Sie ist einfacher. Rustikaler.
Und sie trägt einen ziemlich ungewöhnlichen Namen. Dazu kommen wir gleich.
Wir verlassen langsam die Emilia. Wir kommen in die Romagna. Und damit in eine Welt, die ihren ganz eigenen Charakter hat.
Wir fahren weiter nach Imola.
Auch hier treffen wieder zwei Welten aufeinander: Geschichte und Motorsport. Die Stadt liegt direkt an der Via Emilia und ist international vor allem wegen des Autodromo Enzo e Dino Ferrari bekannt.
Aber Imola ist natürlich viel älter als seine Rennstrecke. Die Stadt entwickelte sich schon in römischer Zeit zu einem wichtigen Zentrum entlang der Via Emilia.
Und auch kulinarisch gehört Imola eindeutig zur Romagna. Hier begegnen uns Gerichte wie Piadina, Tortellini – und eben Strozzapreti.
Wenn man den Namen zum ersten Mal hört, schaut man vermutlich zweimal hin.
Strozzapreti. Wörtlich übersetzt bedeutet das ungefähr: Priesterwürger.
Und jetzt wird es interessant. Die Priesterwürger – eine Pasta mit einer ziemlich frechen Geschichte
Die Strozzapreti sind eine traditionelle Pasta der Romagna. In ihrer ursprünglichen romagnolischen Form bestehen sie ganz schlicht aus Mehl und Wasser. Die regionale Variante wird von Hand zu kleinen, gedrehten Pasta-Stücken geformt.
Aber warum heißen sie so? Dafür gibt es mehrere Geschichten.
Eine der bekanntesten führt uns zurück in die Zeit, als große Teile der Romagna zum Kirchenstaat gehörten.
Die Bevölkerung hatte unter Abgaben und der Macht der Kirche zu leiden. Eier galten als wertvolles Lebensmittel und wurden teilweise sogar als Abgabe verlangt. Also entstanden Pastaformen, die ganz ohne Ei auskamen.
Und der Name? Nun ja …
Eine Überlieferung erzählt, dass die Frauen der Romagna den Priestern bei deren Besuchen diese köstliche Pasta vorsetzten – verbunden mit dem frommen Wunsch, der Herr Pfarrer möge sich daran doch bitte verschlucken.
Ob diese Geschichte nun genau so passiert ist, wissen wir natürlich nicht.
Aber sie passt wunderbar zum Charakter der Romagna: ein bisschen widerspenstig, ein bisschen spöttisch und immer mit einem Augenzwinkern.
Und wenn wir jetzt an Don Camillo und Peppone denken müssen, ist das vermutlich kein Zufall.
Denn auch die Geschichten von Giovannino Guareschi spielen in dieser Landschaft zwischen Po und Apennin – und leben von genau diesem ewigen, manchmal liebevollen, manchmal ziemlich heftigen Schlagabtausch zwischen Kirche und Kommunismus.
Don Camillo und Peppone gehören zwar in eine andere Zeit und sind keine historischen Vorbilder für die Entstehung der Strozzapreti. Aber das Bild passt einfach: Romagna, ein Priester, ein bisschen Streit – und ein gutes Essen dazwischen.
Und damit sind wir eigentlich schon dabei
Strozzapreti al ragù di salsiccia. Die „Priesterwürger“ mit würzigem Salsiccia-Ragù
Das Gericht passt wunderbar zu unserer Reise. Es ist rustikal. Es ist unkompliziert.
Zutaten für 4 Personen
Für die Strozzapreti:
Für das Ragù:
Schritt 1 – Zubereitung der Strozzapreti
Das Mehl mit einer Prise Salz auf die Arbeitsfläche geben. Nach und nach das Wasser dazugeben und alles zu einem glatten, elastischen Teig verkneten. Der Teig sollte etwas fester sein als ein klassischer Eiernudelteig. Anschließend etwa 30 Minuten ruhen lassen.
Den Teig dünn ausrollen und in ungefähr 1 cm breite Streifen schneiden. Jetzt kommt der schönste Teil:
Die Streifen zwischen den Handflächen leicht rollen und dabei zu kleinen, unregelmäßigen Nudeln verdrehen. Genau dieses Drehen ist typisch für die Strozzapreti.
Sie müssen übrigens nicht aussehen wie aus einer Fabrik. Im Gegenteil: Je unterschiedlicher sie aussehen, desto mehr erinnern sie an handgemachte Pasta.
Schritt 2 – Das Ragù
Die Salsiccia aus ihrer Haut drücken und grob zerzupfen.
Zwiebel, Karotte und Sellerie sehr fein würfeln. Das Olivenöl in einer großen Pfanne oder einem schweren Topf erhitzen und das Gemüse langsam anschwitzen. Die Salsiccia dazugeben und unter Rühren kräftig anbraten. Mit dem Rotwein ablöschen und kurz einkochen lassen. Dann die passierten Tomaten, Rosmarin und Lorbeer dazugeben. Mit Salz und Pfeffer würzen.
Das Ragù nun bei niedriger Temperatur mindestens 30–40 Minuten sanft köcheln lassen. Je mehr Zeit es bekommt, desto aromatischer wird es.
Schritt 3 – Die Pasta
Einen großen Topf mit reichlich Salzwasser zum Kochen bringen. Die Strozzapreti hineingeben. Frische Pasta ist schnell gar – je nach Dicke reichen meist wenige Minuten. Wenn sie an die Oberfläche steigen und bissfest sind, werden sie direkt zum Ragù gegeben. Ein kleiner Schuss Kochwasser kann helfen, Sauce und Pasta miteinander zu verbinden. Alles vorsichtig vermengen.
Schritt 4 – Servieren
Die Strozzapreti auf vorgewärmte Teller verteilen. Etwas frisch geriebenen Parmigiano Reggiano darübergeben. Und dann? Einfach genießen.
Denn manchmal ist genau diese einfache Küche diejenige, an die man sich am längsten erinnert.
Und was kommt ins Glas?
Heute bleibt unser Wein ebenfalls in der Romagna. Und darüber freue ich mich ganz besonders.
Wir nehmen den Blu di Bursòn – Ravenna Uva Longanesi IGP von Tenuta Uccellina. Damit verbinden wir unsere Reise direkt mit der Landschaft, durch die wir gerade fahren. Der Blu di Bursòn wird zu 100 % aus Uva Longanesi gekeltert – einer alten autochthonen Rebsorte der Ravenna-Ebene, die in den 1950er-Jahren von der Familie Longanesi gerettet und weitervermehrt wurde. Tenuta Uccellina bezeichnet ihn als frischen, tanninfeinen Wein für den täglichen Genuss und empfiehlt ihn unter anderem zu Antipasti, Pasta und Fleischgerichten.
Und genau deshalb gefällt mir diese Kombination so gut.
Strozzapreti mit Salsiccia-Ragù und Blu di Bursòn.
Das ist keine komplizierte Weinbegleitung. Es ist eine Begegnung innerhalb derselben Landschaft. Pasta aus der Romagna. Salsiccia. Tomate. Parmigiano. Und dazu ein Wein aus Russi bei Ravenna, nur wenige Kilometer von der historischen Via Emilia entfernt.
Aber unsere Reise geht noch weiter.
Wir kommen nach Faenza.
Hier wechseln wir für einen Moment das Thema. Denn Faenza ist weltberühmt für seine Keramik.
Die Stadt hat der französischen Bezeichnung faïence sogar ihren Namen gegeben. Keramik und Wein haben dabei mehr gemeinsam, als man zunächst denkt. Beides braucht Erde. Beides braucht Handwerk. Beides braucht Erfahrung.
Und beides kann aus etwas scheinbar Einfachem etwas Besonderes machen.
Ein Stück Ton. Eine Handvoll Trauben. Und am Ende entsteht etwas, das Menschen berührt.
Weiter geht es durch die Landschaft der Romagna.
Die Via Emilia verbindet hier Forlì und Cesena mit den anderen Städten der Region. Die Städte der Romagna liegen wie Perlen entlang dieser historischen Achse, während Ravenna etwas abseits der direkten Linie liegt.
Und je weiter wir fahren, desto stärker spüren wir die Nähe zur Adria. Die Landschaft wird weiter. Die Luft verändert sich. Und irgendwann wissen wir: Das Meer ist nicht mehr weit.
Bevor wir unser Ziel erreichen, machen wir noch einen kleinen Abstecher nach Ravenna und seinen Mosaiken.
Und hier wird es plötzlich ganz still. Ravenna ist berühmt für seine frühchristlichen und byzantinischen Mosaiken. Gleich acht Monumente gehören zum UNESCO-Welterbe.
Goldene Mosaiksteine. Jahrhundertealte Geschichten. Eine Stadt, die uns daran erinnert, wie viele Kulturen diese Landschaft gesehen hat. Und irgendwo in dieser Gegend, in der Ebene von Ravenna, wachsen auch die Reben für unseren heutigen Wein.
Die Uva Longanesi. Eine alte Rebsorte, die beinahe verschwunden wäre. Und die heute wieder ihren Platz in der Romagna gefunden hat.
Vielleicht ist das überhaupt eine der schönsten Geschichten dieser Reise: Manchmal muss man etwas Altes wiederentdecken, damit es eine Zukunft bekommt.
Cesena liegt hinter uns. Die Landschaft öffnet sich. Und schließlich erreichen wir Rimini.
Das Meer. Die Adria. Und den östlichen Endpunkt unserer Reise.
Hier begann die Via Emilia einst ihre Verbindung ins Landesinnere. Die römische Straße verband Rimini mit Piacenza und wurde zur Lebensader jener Landschaft, die heute Emilia-Romagna heißt.
Und wenn wir jetzt am Meer stehen, wird plötzlich klar, was diese Straße eigentlich geleistet hat.
Sie war nie nur eine Straße. Sie brachte Menschen zusammen. Sie transportierte Waren. Sie verband Städte. Sie ließ Ideen wandern. Und natürlich wanderten irgendwann auch Rezepte entlang dieser Straße.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Emilia-Romagna kulinarisch so unglaublich vielfältig ist.
Wir sind heute durch eine Landschaft gefahren, die sich kaum in wenigen Worten beschreiben lässt.
Von Modena und seinen still reifenden Fässern.
Über Bologna, die gelehrte, rote und genussvolle Stadt.
Durch Imola, wo Geschichte und Motoren zusammentreffen.
Nach Faenza, wo Erde zu Kunst wird.
Weiter durch Forlì und Cesena.
Mit einem Abstecher nach Ravenna, zu den goldenen Mosaiken und einer alten Rebsorte, die wiederentdeckt wurde.
Und schließlich: Rimini.
Das Meer. Die Adria. Das Ende der Via Emilia.
Oder vielleicht besser: das Ende unserer heutigen Reise.
Denn Italien endet schließlich nie wirklich.
Hinter jeder Straße wartet die nächste.
Hinter jeder Stadt eine neue Geschichte.
Und hinter jeder Flasche Wein ein Stück Landschaft.
Deshalb nehme ich aus unserer Reise heute vor allem eines mit: Eine Straße kann Menschen verbinden. Und manchmal verbindet sie sogar mehr als Orte. Sie verbindet Geschichte, Küche, Wein und Lebensgefühl.
In dem Sinne also: Salute – auf die Via Emilia und auf die nächste Reise!
Buon appetito und bleiben Sie gesund!
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Bild: Natanael Ginting freepic, Elke Heselmeyer © DNEWS24
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