Italian Secrets: Civita di Bagnoregio (Latium) – Die „Sterbende Stadt“
In der vergangenen Woche hat uns Italian Secrets nach Ustica geführt. Heute begeben wir uns wieder aufs italienische Festland. Wir wollen über Civita di Bagnoregio (Latium) – Die „Sterbende Stadt“ sprechen.
Civita di Bagnoregio hat eine reiche Geschichte: diese reicht bis in die Zeit der Etrusker zurück. Vermutlich wurde die Stadt im 7. Jahrhundert v. Chr. gegründet und war als „Civita“ (vom lateinischen „Civitas“ – Stadt) bekannt. Sie erlebte im Laufe der Jahrhunderte Wachstumsphasen, aber auch viele Krisen, vor allem aufgrund von Erosionen und Erdbeben, die ihre Stabilität stark beeinträchtigt haben. Im 15. Jahrhundert schließlich kam die Stadt dann unter die Herrschaft der Kirche, was zu erneuten Veränderungen und Problemen führte, was die Menschen dazu veranlasste, die Stadt nach und nach zu verlassen.
Nur über eine schmale Fußgängerbrücke erreichbar, thront das altehrwürdige Civita hoch über dem Tal der Calanchi. Wegen geologischer Erosion wird es auch als „die sterbende Stadt“ bezeichnet. Mit aktuell weniger als 20 Einwohnern auf einer kargen Erosionszunge ist das Dorf eine Zeitkapsel voller Geschichte und Schönheit.
Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Vergangenheit: Die „Sterbende Stadt“
Schon seit Jahrhunderten nagt die Erosion an den Tuffsteinfelsen, auf denen Civita thront. Immer wieder stürzen Hänge und Häuser ein – ein stetiger Kampf zwischen Mensch und Natur. Einst war Civita ein lebendiges Städtchen, heute sind es nur noch eine Handvoll Bewohner, die den Ort bewohnen. Doch die Schönheit bleibt: mittelalterliche Palazzi, das Stadttor Porta Santa Maria, kleine Plätze, enge Gassen – eine Zeitreise ins Mittelalter
Gegenwart: Leben im Zerfall
Trotz seiner Fragilität zieht Civita jährlich Hunderttausende Besucher an. Die Brücke ist der einzige Zugang – ein Symbol für die Zerbrechlichkeit, aber auch für den festen Willen, den Ort am Leben zu halten. Lokale Gastronomen und Kunsthandwerker halten die Tradition lebendig: handgemachte Pasta, einfache rustikale Gerichte wie „Tonnarelli al tartufo“ oder „Zuppa di Fagioli“. Der Ort trägt den Titel „I Borghi più belli d’Italia“ – eine Würdigung seiner einzigartigen Schönheit.
Zukunft: Hightech und Millionen-Investitionen
Während der Ort wie eine mittelalterliche Filmkulisse wirkt, wird er aus dem All überwacht: Satellitenbilder helfen, die Bodenbewegungen millimetergenau zu erfassen. Die italienische Regierung und die Region Lazio investieren Millionen in Stahlanker, Stützmauern und Drainagen, um die Felsen zu stabilisieren. Das Museo Geologico e delle Frane erzählt die Geschichte der Erosion – und wie Wissenschaft und Technik versuchen, die Natur im Zaum zu halten. Ziel ist nicht nur die Rettung, sondern auch die Anerkennung als UNESCO-Welterbe – als Modell für nachhaltigen Umgang mit bedrohten Kulturlandschaften.
Wo sich Geschichte und Zukunft begegnen
Civita ist mehr als ein malerisches Ausflugsziel: Es ist ein Symbol für die Balance zwischen Mensch, Geschichte und Natur. Ein Ort, der zwar „sterbend“ genannt wird, aber durch Innovation, Forschung und Leidenschaft weiterlebt. Wer Civita besucht, erlebt nicht nur die Vergangenheit, sondern auch hautnah den Einsatz für die Zukunft.
Abschließend noch einmal kurz zusammengefasst – es gibt etliche Maßnahmen gegen den Verfall von Civita di Bagnoregio.
Die Überwachung aus dem All
Im Rahmen des nationalen Planes zur Immobilienüberwachung werden Satellitenbilder des COSMO-SkyMed genutzt, um Bodenbewegungen und Erosion exakt zu analysieren. Diese Daten speist ein wissenschaftlicher Schutzrat um Bürgermeister Luca Profili, in dem auch die italienische Raumfahrtagentur (ASI), die Universität Florenz und ISPRA mitwirken.
Technische Sicherung & Großinvestitionen
Jubiläumsfonds (Jubiläum 2025): Der Staat stellt 3 Millionen Euro zur Verfügung, um den sensiblen Zugang zur Stadt – insbesondere den Felsbereich rund um die Brücke – zu stabilisieren. Dazu gehören Vegetation, Stahlanker und Netze, die optisch dezent wirken sollen.
Regionale Förderung (2023)
Fast 1 Mio. Euro flossen in die Absicherung des Nordhangs mittels geologischer Brunnen, die das Gelände entsorgen und stabilisieren helfen.
Weitere Zuschüsse
Bereits seit 2015 unterstützt die Region Lazio und auch der Staat, so wurden schon rund 1,2 Mio. Euro für Stützkonstruktionen investiert.
Wissenschaft und Forschung vor Ort
Das Museo Geologico e delle Frane im Palazzo Alemanni wurde wieder eröffnet und bietet Ausstellungen, Seminare, Führungen und Ausflüge rund um die Themen Erosion, Fossilien und Schutzmaßnahmen. Es steht im Zentrum des Dialogs zwischen Wissenschaft, Bevölkerung und Kulturvermittlung.
Langfristige Strategien und Schutzkonzepte
Civita ist auf der Tentativliste des UNESCO-Weltkulturerbes – als „Kultur-Landschaft“ mit kontinuierlicher Bewältigung von Erosionsrisiken. Fachleute unterstützen dabei Maßnahmen zur Erhaltung der Urbanität, Stabilität, Authentizität und Gemeinschaft. Zudem wurden aufwändige Forschungen zur Erosionsminderung (z. B. nachhaltige Verankerungssysteme im Fels) seit über 20 Jahren durchgeführt – mit weltweit anerkannten Ergebnissen.
Fazit
Civita wird nicht dem Verfall überlassen, sondern systematisch geschützt – und das mit einer Kombination aus Wissenschaft, Technik, Kulturförderung und politischen Investitionen.
Von astronomischer Überwachung über millionenschwere Bauprojekte bis hin zu musealer Aufarbeitung und internationaler Anerkennung: Der Schutz dieser „sterbenden Stadt“ ist sehr lebendig und dynamisch.
Ein schöner, aber sensibler Balanceakt zwischen Wahrung des historischen Erscheinungs-bildes und langfristiger Erhaltung.
Was sollte man dort unbedingt sehen?
Ponte pedonale & Panorama: Die schmale, nur für Fußgänger begehbare Brücke ist der einzige Zugang zur Stadt – spektakulärer Auftakt zu einem Spaziergang durch die Geschichte.
Porta di Santa Maria: Eine doppeltürmige Renaissance-Torbogenarchitektur von 1558 mit historischer Steinplastik, Löwen und Wappen – einst Zugang zur Etruskerstadt.
Chiesa di San Donato: Eine frühmittelalterliche Kirche (seit dem 5. Jh.), mit romanischer Struktur, Renaissance-Umbau, Etrusker-Sarkophagen am Turmsockel, einem Fresko aus Pinturicchio-Schule und einem Kreuz des Donatello-Meisters – ein kleines architektonisches Juwel.
Der Ort schwebt quasi über dem Valle dei Calanchi und ist ein fast surrealer Ort der Ruhe.
Kulinarischer Tipp aus Civita di Bagnoregio
„Fagioli con le Cotiche“ – Bohnen mit Schweineschwarte
Ein klassisches Gericht der bäuerlichen Küche aus dem Raum Bagnoregio. Weiße Bohnen, langsam geschmort mit Tomaten, Knoblauch, Rosmarin und – ganz traditionell – Schweineschwarte. Einfach, deftig, voller Geschmack – ein Gericht, das perfekt in die herbstliche Atmosphäre der Tuffstein-Stadt passt. In vielen Trattorien wird es nach alten Familienrezepten zubereitet, oft zusammen mit frischem Landbrot.
Wer es allerdings leichter mag, probiert stattdessen die „Pasta alla Bagnorese“ – hausgemachte Nudeln in einer herzhaften Fleischsauce, die typischerweise aus Lamm oder Rind gekocht wird.
Die traditionelle Küche — Was isst man ansonsten noch in Civita?
Piciarelli al tartufo: Eine handgerollte Pasta (aus Wasser & Mehl) – serviert mit lokalem schwarzem Trüffel – einfach, bodenständig, aber kulinarisch raffiniert.
Pollo alla Civitonica: Pollo alla cacciatora-Variante mit Tomate, Taggiasca-Oliven, Gemüse und aromatischen Kräutern – ein streng gehütetes lokales Rezept. Wildschwein-Pappardelle & Risotto mit Pilzen & Trüffel: Reichhaltige Pasta mit Wildschweinragout oder mit Steinpilzen und Trüffel – wunderbare Aromen der Region festgehalten in einem wunderbaren Gericht.
Käse & Wein aus dem Tiber-Vallée: Pecorino, Olivenöl aus Vulkanböden, Lombrichelli mit Gemüse, herzhafte Suppen und Nussdesserts – authentische Gaumenfreuden
Porchetta und Carbonara: Auch typische Gerichte aus Latium, die man hier regional zubereitet genießen kann.
„So wie Civita selbst, vereint auch seine Küche Vergangenheit und Gegenwart: einfache bäuerliche Rezepte, die seit Jahrhunderten unverändert sind – begleitet von Weinen, die die Geschichte der Region in jedem Tropfen erzählen. Ein Besuch in Civita di Bagnoregio ist also nicht nur eine Zeitreise durch Steine und Gassen, sondern auch eine kulinarische Entdeckung voller Authentizität.“
Ich möchte heute ein typisches Gericht der Region Lazio präsentieren, nämlich die Bucatini all’Amatriciana.
Für vier Personen benötigen wir:
400 g Bucatini
2 Dosen à 250 g Tomaten (Pelati)
¼ weiße, gehackte Zwiebel
250 g gewürfelter (Wangen)speck
200 g römischer Pecorinokäse, frisch gerieben
1 Glas Weißwein
Peperoncino, etwas Salz sowie Olivenöl (gibt es bei Porta Vagnu)
Zubereitung
Die Tomaten (Pelati) fein pürieren. In einer Pfanne die gehackte Zwiebel mit Olivenöl langsam anschwitzen, Peperoncino nach Belieben und den Wangenspeck hinzufügen und knusprig anbraten. Anschließend mit Weißwein ablöschen und köcheln lassen. Die Tomatensauce hinzufügen, salzen und für ca. 15 Minuten weiterkochen.
Die Bucatini in Salzwasser bissfest kochen, die Amatricianasauce hinzugeben und mit ausreichend geriebenem Pecorinokäse servieren.
Zu diesem Gericht passt am besten ein mittelkräftiger Rotwein mit guter Säure, der die Salzigkeit des Guanciale und die Süße der Tomaten ausbalanciert, wie z.B. ein Montepulciano d’Abruzzo oder ein auch ein Ripasso della Valpolicella. Ich habe mich heute für den Montepulciano d’Abruzzo entschieden:
Buon appetito und bleiben Sie gesund!