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Gedankenmacher: Wenn politische Lager zu Feindbildern werden

Die Abneigung zwischen den deutschen Parteilagern wächst – nicht nur leise, sondern tiefgreifend. Neue Daten zeigen: Die stärkste Polarisierung entsteht zwischen den einstigen Kräften der politischen Mitte. Was bedeutet das für unsere Demokratie? Ein Gedankenmacher über Identität, Animosität und den Verlust des politischen Miteinanders.

Die politische Stimmung in Deutschland verändert sich – nicht nur leise, sondern spürbar. Das ifo‑Institut zeigt in einer neuen Studie, die diese Woche veröffentlicht wurde, nun schwarz auf weiß, was viele längst ahnen: Die Abneigung zwischen den Parteilagern wächst. Und zwar deutlich. Seit 2020 haben sich die Gräben vertieft, die Fronten verhärtet, die Bereitschaft zum Zuhören ist geschrumpft. Das Überraschende: Die AfD ist dafür nicht der Haupttreiber. Die stärkste Polarisierung findet zwischen den Anhängerinnen und Anhängern der Union und der Grünen statt – also zwischen zwei Lagern, die sich einst als politische Mitte, als demokratische Mitte verstanden haben.

Was ist passiert? Die ifo‑Forscherinnen verweisen auf eine Gemengelage aus Krisen, die sich seit 2020 überlagern: Pandemie, russischer Angriffskrieg, Energiekrise, Inflation, der Bruch der Ampelkoalition. Jede dieser Entwicklungen hat mehr Unsicherheit erzeugt, jede Krise hat politische Erwartungen verschoben, jede hat neue Konfliktlinien sichtbar gemacht. Doch Krisen allein erklären nicht, warum Menschen einander zunehmend misstrauen, nur weil sie unterschiedliche Parteien wählen.

Die Daten zeigen: Rund die Hälfte des Anstiegs der Abneigung entfällt auf das Verhältnis zwischen Union und Grünen. Ein weiteres Fünftel betrifft Union und SPD. Das ist bemerkenswert, denn es betrifft die Parteien, die über Jahrzehnte den politischen Grundkonsens Deutschlands getragen haben. Wenn ausgerechnet diese Lager sich zunehmend feindselig gegenüberstehen, dann geht es nicht mehr nur um politische Inhalte – es geht um Identität.

Die Forscherinnen sprechen von einem „Animositätseffekt“: 65 Prozent der Polarisierung seit 2013 sind eine echte Verschärfung der Ablehnung. Nur 35 Prozent lassen sich durch veränderte Stimmengewichte erklären. Mit anderen Worten: Die Menschen mögen einander weniger, nicht nur die Parteien. Und das gilt im Osten wie im Westen gleichermaßen. Die Unterschiede in den Indexwerten sind rechnerisch bedingt, nicht emotional.

Was bedeutet das für unsere Demokratie? Eine Gesellschaft, die sich politisch zunehmend in feindliche Lager aufspaltet, verliert die Fähigkeit zum Kompromiss. Demokratie aber lebt vom Kompromiss – nicht als fauler Kompromiss, sondern als Ausdruck von Respekt vor der Vielfalt der Meinungen. Wenn politische Zugehörigkeit zur Frage von moralischer Überlegenheit wird, wenn Andersdenkende nicht mehr als politische Gegner, sondern als persönliche Feinde wahrgenommen werden, dann wird Politik toxisch.

Die Polarisierung ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von Kommunikation, Medienlogik, politischem Stil und gesellschaftlicher Verunsicherung. Sie entsteht dort, wo Debatten zu Schlagabtausch werden, wo soziale Medien Empörung belohnen, wo Parteien sich gegenseitig delegitimieren, statt um Lösungen zu ringen. Und sie entsteht dort, wo Bürgerinnen und Bürger sich nur noch in Echokammern bewegen.

Vielleicht ist es Zeit, sich daran zu erinnern, dass politische Unterschiede kein Makel sind, sondern Ausdruck einer lebendigen Demokratie. Dass man die eigene Position stärken kann, ohne die andere zu verachten. Dass man Konflikte austragen kann, ohne den Respekt zu verlieren. Und dass politische Identität nicht wichtiger sein darf als das gemeinsame Fundament, auf dem Deutschland steht.

Der ifo‑Befund ist ein alarmierendes Warnsignal. Aber er ist auch eine Einladung: zu mehr Gelassenheit, mehr Neugier, mehr Bereitschaft, die Motive der anderen zu hören und zu verstehen. Demokratie ist kein Zuschauerraum für Empörung, sondern ein Übungsraum für ein konstruktives Miteinander. Vielleicht sollten wir alle ihn wieder häufiger betreten.

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Der Gedankenmacher

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus Europa.

Der Bundesverband Initiative 50Plus Europa ist eine unabhängige Initiative, die die Interessen der Generation 50Plus in Europa vertritt. Der BVI50PLUS ist im Transparency Register der Europäischen Union eingetragen.

Der Sitz des BVI50PLUS ist Wien. Die Stadt ist nicht nur ein Sitz der Vereinten Nationen und die Hauptstadt Österreichs, sondern auch eine der lebenswertesten Städte der Welt.

Bis 1996 hat Müller mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gewohnt. Nach zwei Jahren im Ausland lebt er heute in Bayern.

Uwe-Matthias Müller kommt auch heute noch oft und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit genießt man nur die Vorzüge der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten, unter denen die ansässigen Bewohner täglich leiden, einfach ignorieren.“

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