Es gibt Worte, die erst leise beginnen und dann plötzlich überall sind. Einsamkeit ist so ein Wort. Lange galt Einsamkeit als privates Schicksal, als etwas, das man nicht ausspricht. Heute wissen wir: Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Problem — und sie trifft besonders ältere Menschen.
Vom 22. bis 28. Juni findet in Deutschland die Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ statt. Ein guter Anlass, genauer hinzusehen. Denn viele Menschen über 60 spüren, dass sich ihr Leben verändert hat: Familien wohnen weiter auseinander, Kinder und Enkel sind beruflich mobil, Freundeskreise werden kleiner. Und wer einmal aus dem sozialen Rhythmus fällt, findet oft nur schwer zurück.
Gleichzeitig wächst die Sorge um die eigene finanzielle Zukunft. Bundeskanzler Friedrich Merz hat jüngst betont, die gesetzliche Rente werde künftig vor allem eine Basisabsicherung sein. Für den gewohnten Lebensstandard müsse jeder selbst vorsorgen. Das ist eine nüchterne, vielleicht notwendige Botschaft — aber sie trifft viele ältere Menschen an einem wunden Punkt.
Denn obwohl Rentenkürzungen gesetzlich ausgeschlossen sind, bleibt die Angst: Reicht das Geld am Monatsende noch?
Reicht es für die Miete, für den Einkauf, für die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen — und für die Teilnahme am sozialen Leben? Einsamkeit beginnt oft dort, wo Menschen sich zurückziehen, weil sie glauben, nicht mehr mithalten zu können.
Einsamkeit ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist ein Warnsignal.
Sie sagt uns, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist: zwischen den Generationen, zwischen Stadt und Land, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Und sie zeigt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind — gerade im Alter.
Vielleicht ist es Zeit, Einsamkeit nicht länger als individuelles Versagen zu betrachten, sondern als gesellschaftliche Aufgabe.
Zeit, Räume zu schaffen, in denen Begegnung möglich ist. Zeit, ältere Menschen nicht als Kostenfaktor zu sehen, sondern als Teil unserer sozialen Infrastruktur. Zeit, ihnen die Sicherheit zu geben, dass sie nicht allein sind — weder finanziell noch menschlich.
Einsamkeit ist kein Schicksal.
Aber sie wird zu einem, wenn wir nicht hinschauen.
Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus Europa.
Der Bundesverband Initiative 50Plus Europa ist eine unabhängige Initiative, die die Interessen der Generation 50Plus in Europa vertritt. Der BVI50PLUS ist im Transparency Register der Europäischen Union eingetragen.
Der Sitz des BVI50PLUS ist Wien. Die Stadt ist nicht nur ein Sitz der Vereinten Nationen und die Hauptstadt Österreichs, sondern auch eine der lebenswertesten Städte der Welt.
Bis 1996 hat Müller mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gewohnt. Nach zwei Jahren im Ausland lebt er heute in Bayern.
Uwe-Matthias Müller kommt auch heute noch oft und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit genießt man nur die Vorzüge der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten, unter denen die ansässigen Bewohner täglich leiden, einfach ignorieren.“
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