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Gedankenmacher: Volkswagen zwischen den Welten - Warum der Konzern seine Zukunft neu denken muss

Volkswagen steckt fest: zu hohe Kosten, unklare Modellpolitik, schleppende Softwareentwicklung. Während der Konzern in Deutschland ringt, zeigt er in China, wie moderne Automobilproduktion funktionieren kann – automatisiert, flexibel, digital. Ein Gedankenmacher über die Frage, ob VW den Mut findet, sich neu zu erfinden.

Volkswagen ist ein Symbol deutscher Industriegeschichte. Ein Konzern, der über Jahrzehnte hinweg Standards gesetzt hat – technologisch, wirtschaftlich, kulturell. Doch heute wirkt der einstige Gigant erstaunlich schwerfällig. Die Herausforderungen sind bekannt, doch ihre Wucht zeigt sich erst im weltweiten Zusammenspiel: hohe Produktionskosten, eine unklare Strategie zwischen Elektroantrieb und Verbrenner, massive Verzögerungen bei der Softwareentwicklung und ein globaler Wettbewerb, der schneller, mutiger und digitaler agiert als je zuvor.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Volkswagen AG sind kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Probleme, die sich über Jahre aufgebaut haben. Die Fertigung in Deutschland ist teuer, komplex und in Teilen veraltet. Während andere Hersteller längst auf hochautomatisierte Produktionslinien setzen, kämpft VW vielerorts noch mit Prozessen, die eher an die 1990er Jahre erinnern als an die Zukunft der Mobilität. Die Folge: Modelle werden zu teuer produziert, Margen schrumpfen, Innovationen kommen zu langsam auf die Straße.

Besonders sichtbar wird das Dilemma in der Modellpolitik. Volkswagen schwankt zwischen dem Anspruch, ein führender Anbieter von Elektrofahrzeugen zu sein, und der Realität, dass Verbrenner weiterhin einen Großteil der Gewinne sichern. Diese Doppelstrategie mag kurzfristig notwendig erscheinen, doch sie führt zu einer strategischen Unschärfe, die Kunden, Händler und Mitarbeiter verunsichert. Wer heute ein neues VW‑Modell betrachtet, erkennt oft nicht klar, wofür der Konzern eigentlich stehen will: für mutige Elektromobilität oder für die Fortsetzung einer vertrauten Verbrennerwelt.

Hinzu kommt ein Problem, das für die Zukunft des Konzerns entscheidend ist: Software. Moderne Autos sind rollende Computer, und ihre Wettbewerbsfähigkeit hängt zunehmend von digitaler Kompetenz ab. Doch genau hier hat Volkswagen seit Jahren Schwierigkeiten. Die Entwicklung eigener Softwareplattformen verläuft schleppend, Projekte werden verschoben, Funktionen bleiben hinter dem Wettbewerb zurück. Während Tesla, BYD oder Nio digitale Features quasi im Wochenrhythmus aktualisieren, kämpft VW mit internen Abstimmungsprozessen und technischen Altlasten.

Kritisch ist, dass Volkswagen schlicht Geld für Innovationen fehlt. Ein Grund – neben den schrumpfenden Margen und den zu hohen Kosten – sind die im Rahmen des 2015 aufgedeckten Abgasskandals („Dieselgate“) weltweit mehr als 33 Milliarden Euro an Strafen, Entschädigungen, Prozess- und Rückabwicklungskosten, die der Konzern an Behörden, Umweltprogramme und Zivilkläger zahlen musste.

Ein Blick nach China zeigt, wie anders es laufen kann. Dort hat Volkswagen Werke aufgebaut, die fast vollständig automatisiert sind. Roboter übernehmen große Teile der Produktion, digitale Systeme steuern Abläufe in Echtzeit, und eigene Softwareentwickler arbeiten direkt an der Fertigung – nicht in entfernten Büros, sondern mitten im Produktionsprozess. Technik entsteht dort „on demand“, angepasst an die Bedürfnisse des Marktes und die Geschwindigkeit der Innovation. Das Ergebnis: effizientere Abläufe, niedrigere Kosten, schnellere Modellzyklen.

China ist für Volkswagen längst nicht mehr nur ein Absatzmarkt, sondern ein Spiegel. Ein Spiegel, der zeigt, wie weit die deutsche Automobilindustrie sich von ihrer einstigen Rolle als globaler Taktgeber entfernt hat. Während in Wolfsburg und Hannover über Strategien diskutiert wird, entstehen in Hefei und Shanghai Produktionswelten, die den Begriff „Industrie 4.0“ mit Leben füllen. Die Frage ist nicht, ob VW diese Realität anerkennt, sondern wie schnell und konsequent der Konzern bereit ist, daraus zu lernen.

Denn die Zukunft der Mobilität wird nicht von Traditionen entschieden, sondern von Geschwindigkeit, Effizienz und digitaler Kompetenz. Volkswagen muss sich fragen, ob es weiterhin versuchen will, zwei Welten gleichzeitig zu bedienen – die alte Verbrennerwelt und die neue Elektro‑ und Softwarewelt – oder ob es den Mut findet, sich klar zu positionieren. Ein Konzern dieser Größe kann vieles, aber nicht alles gleichzeitig. Und schon gar nicht in einem globalen Wettbewerb, der keine Geduld kennt.

Die gute Nachricht: Volkswagen hat die Ressourcen, die Ingenieure, die Markenstärke und die globale Präsenz, um sich neu zu erfinden. Doch dafür braucht es einen strategischen Befreiungsschlag. Weniger Komplexität, mehr Automatisierung, klare Prioritäten und eine Softwareentwicklung, die nicht länger ein Problem ist, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Die Werke in China zeigen, dass VW es kann. Die Frage ist, ob der Konzern bereit ist, diese Konsequenz auch in Deutschland zu leben.

Volkswagen steht an einem Wendepunkt. Nicht zum ersten Mal, aber vielleicht zum wichtigsten. Die Zukunft der Mobilität wird nicht warten. Und sie wird nicht von jenen gestaltet, die zögern, sondern von jenen, die handeln. Für VW ist jetzt der Moment, die eigenen Stärken neu zu definieren – und die eigenen Schwächen endlich zu überwinden.

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Der Gedankenmacher

Uwe-Matthias Müller ist Gründer und Vorstand des Bundesverband Initiative 50Plus Europa.

Der Bundesverband Initiative 50Plus Europa ist eine unabhängige Initiative, die die Interessen der Generation 50Plus in Europa vertritt. Der BVI50PLUS ist im Transparency Register der Europäischen Union eingetragen.

Der Sitz des BVI50PLUS ist Wien. Die Stadt ist nicht nur ein Sitz der Vereinten Nationen und die Hauptstadt Österreichs, sondern auch eine der lebenswertesten Städte der Welt.

Bis 1996 hat Müller mit seiner Frau und den beiden Töchtern in (West-)Berlin gewohnt. Nach zwei Jahren im Ausland lebt er heute in Bayern.

Uwe-Matthias Müller kommt auch heute noch oft und gern nach Berlin. „Als Berliner auf Zeit genießt man nur die Vorzüge der Hauptstadt und kann die vielen Unzulänglichkeiten, unter denen die ansässigen Bewohner täglich leiden, einfach ignorieren.“

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Bild: © DNEWS24

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