Gedankenmacher: Europa und die Demografie
Die Alterung der Gesellschaft ist nur zu finanzieren, wenn es viele gut bezahlte Jobs gibt. Europa hat da ein Problem.
In den Ländern unseres Kontinents werden die Menschen älter und älter. Der demografische Wandel erfasst alle Gesellschaften. Besonders betroffen ist Deutschland. Wir werden in naher Zukunft die älteste Gesellschaft sein – weltweit.
Die Demografie hat vielfältige Auswirkungen. Nicht nur auf das Gesundheitswesen und die Situation in der Pflege. Ältere Menschen brauchen einen angepassten Wohnraum, andere Einkaufswege, barrierearme Mobilität. Im Alter bleibt der Finanzbedarf hoch, doch bei kleinen Renten werden Ersparnisse aufgezehrt, Investments aufgelöst. Das hat massive Auswirkungen auf die Kapitalmärkte, denn die Generation Babyboomer ist nicht gerade arm (im Durchschnitt) und stellt Banken, Versicherungen und der Wirtschaft viel Geld zur Verfügung, das nun schrittweise zurückgeholt und konsumiert werden wird.
Da wäre es gut, wenn die nachfolgende Generation krisenfeste Jobs mit guten Einkommen hätte. Genau hier rollt auf Europa eine Problem-Welle zu.
Gedankenmacher im DNEWS24Podcast
Bis 2029 werden weltweit voraussichtlich über 100 Millionen neue Jobs entstehen, wobei vor allem in den Ländern Afrikas neue Lohnarbeit geschaffen wird. Das geht aus dem Global Jobs Index hervor, den das Kiel Institut für Weltwirtschaft gemeinsam mit dem Hamburger Startup Impacc erstmals auf Basis von weltweiten Zahlen jüngst erstellt hat. Die den Berechnungen zugrunde liegenden Daten stammen unter anderem von der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen und von nationalen Statistikämtern. Aus den Berechnungen geht hervor, in welchen Ländern in den nächsten Jahren komplett neue Jobs entstehen werden – nicht durch Nachbesetzungen, sondern zusätzlich.
Dabei zeigt sich, dass Beschäftigung vor allem in Afrika wächst: Auf dem Kontinent werden gegenüber heute bis 2030 über 75 Millionen Menschen zusätzlich in Jobs arbeiten, die mehr als die absolute Armutsgrenze von 2,15 US-Dollar pro Tag zahlen. In Asien wird diese Zahl netto um 21 Millionen steigen, in Südamerika um 9 Millionen und in Nordamerika um 4 Millionen. Ozeanien wird im gleichen Zeitraum 0,4 Millionen neue Jobs über der absoluten Armutsgrenze hervorbringen. Im alternden Europa hingegen fällt die Beschäftigung um 7 Millionen, vorausgesetzt, die Arbeitslosenquoten bleiben stabil.
Weniger Jobs bedeutet, dass weniger Arbeitnehmer für mehr Rentner aufkommen müssen – wenn und wo das Umlageverfahren zur Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme unverändert bleibt.
Deutschland als stärkste Wirtschaftsmacht in der Mitte Europas hat also ein massives Problem. Knapper werdendes privates Kapital, die anhaltende Wirtschaftskrise, sinkende Investitions- und Produktivitätszahlen, stark steigende Staatsausgaben, eine alternde Bevölkerung und weniger gut bezahlte Arbeitnehmer sind eine explosive Mischung, die den sozialen Konsens und den demokratischen Zusammenhalt auf eine harte Bewährungsprobe stellen werden.
Die Politik müsste sich einen Ruck geben und schnell sowie effektiv handeln. Eine grundlegende Reform der Staatsaufgaben und der Staatsausgaben ist dringendst geboten. Leider scheint der Merz-Regierung dazu Mut und Kraft zu fehlen. Und so taumeln wir schlafwandlerisch in die Demografie-Falle.
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