Die Debatte um Deindustrialisierung und Entlassungswellen deutscher Industrieunternehmen reißt nicht ab. Allerdings sind nicht steigende Kündigungszahlen von Seiten der Arbeitgeber der Auslöser für den Personalabbau in der Industrie, sondern das Zögern, Stellen nachzubesetzen und neue Mitarbeitende einzustellen. Das zeigt eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.
Noch bis 2019 hatten sich Einstellungen sowie beendete Beschäftigungsverhältnisse parallel entwickelt. Doch seither öffnet sich eine Lücke: Die Neueinstellungen gehen deutlich stärker zurück als die Zahl der beendeten Beschäftigungsverhältnisse. Dadurch rücken deutlich weniger neue Mitarbeitende ins Verarbeitende Gewerbe nach, als Stellen frei werden. „Die zurückgehenden Neueinstellungen sind ein Warnsignal für die künftige Beschäftigungsentwicklung“, kommentiert Luisa Kunze, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung. „Wir brauchen eine Wiederbelebung der Arbeitsnachfrage in der Industrie und mehr Dynamik am Arbeitsmarkt. Nur dann entstehen auch wieder neue Chancen für Einsteiger, berufliche Wechsel werden leichter und die Industrie kann sich weiter erneuern.“
Aus Sicht der Arbeitnehmer haben die Industrie-Unternehmen an Attraktivität eingebüßt. Die Löhne in der Industrie sind deutlich schwächer gestiegen als in den übrigen Branchen, sodass sich der Lohnvorsprung der Industrie etwa halbiert hat. Der Vorsprung des Verarbeitenden Gewerbes ist in den vergangenen zehn Jahren bei den Einstiegslöhnen von 20 auf 10 Prozent und bei Beschäftigten mit längerer Betriebszugehörigkeit von über 16 auf knapp 9 Prozent geschrumpft. Immerhin: Das Risiko, aus einem Industriejob arbeitslos zu werden, ist weiterhin geringer als im Rest der Wirtschaft und 2024 sogar niedriger als 2014.
Die fehlenden Beschäftigungsperspektiven in der Industrie zeigen sich auch in der Anzahl der ausgeschriebenen Online-Stellenanzeigen. Sie ist 2025 im Vergleich zu 2019 um 161.000 Anzeigen zurückgegangen. Damit sinkt der Anteil der Industrie an den insgesamt auf dem deutschen Arbeitsmarkt ausgeschriebenen Stellen um 3,2 Prozentpunkte. Ausschlaggebend dafür ist unter anderem die sinkende Zahl von Zeitarbeitsstellen in der Industrie. Hier liegt ein kurzfristiges Einsparpotenzial, ohne dass auch die Kernbelegschaft direkt betroffen ist.
Nicht nur die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften ist zurückgegangen, sondern auch die Tätigkeiten und Kompetenzanforderungen innerhalb der Industrie verändern sich. Klassische Fertigungsberufe wie zum Beispiel in der Kunststofferzeugung oder Metallverarbeitung sind seltener gefragt. Die Kurve dieser klassischen Industriefertigung weist bereits seit 2018 nach unten. Weiterhin gefragt sind dagegen Produktionsberufe, die komplexe technische Kenntnisse und Fertigkeiten erfordern wie etwa in der Elektrotechnik oder Maschinen- und Fahrzeugtechnik. Die Industriebeschäftigung in diesen Berufen ist zwischen 2014 und 2024 um fünf Prozentpunkte gestiegen. „Die Anforderungen an Industriearbeit wandeln sich – eine Folge der digitalen und ökologischen Transformation. Die Betroffenen brauchen Qualifizierungen und Weiterbildung. Wir dürfen nicht erst Maßnahmen ergreifen, wenn die Menschen bereits arbeitslos sind“, sagt Gunvald Herdin, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung.
Die Beschäftigungsentwicklung in der Industrie verläuft regional unterschiedlich. Die traditionell starken Industriestandorte, zum Beispiel in Süddeutschland, im Saarland und Teilen Ostdeutschlands, sind bis 2019 noch stärker gewachsen als der Industrie-Durchschnitt, nach 2019 fielen die Einschnitte dort tendenziell weniger stark aus als in anderen Regionen. Dennoch geraten auch diese Standorte zunehmend unter Druck. Der außenhandelsgetriebene Wachstumsmotor ist weggefallen und Automatisierungs- sowie Rationalisierungseffekte schlagen stärker durch. „Die Industriestärke hat jahrelang wie ein Puffer gegen Beschäftigungsverluste gewirkt. Aber auch diese Regionen sind nicht immun. Die Zahlen zeigen, dass der einstige Vorteil schmilzt. Wie stark eine Region betroffen ist, hängt auch von lokalen Standortfaktoren, Investitionen und dem Branchenmix ab“, sagt Arbeitsmarktexpertin Kunze.
Bild: Gemini KI © DNEWS24
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