Buchtipp: Hier gilt's der Kunst
Lange Zeit galt Wieland Wagner als der geniale Erneuerer, der Bayreuth nach dem Zweiten Weltkrieg durch seine abstrakte „Entrümpelung“ der Bühne vom braunen Ballast befreit hatte. Doch wie viel Kontinuität steckte hinter dem radikalen ästhetischen Neuanfang von 1951? Anno Mungen wirft in seiner Untersuchung einen scharfen Blick auf die Jahre 1941 bis 1945 und demaskiert das Bild des unpolitischen Künstlers als gezielte Legendenbildung.
Die Bayreuther Festspiele und der Nationalsozialismus bilden ein Kapitel der deutschen Geschichte, das oft auf die Person Winifred Wagners und ihre Freundschaft zu Adolf Hitler reduziert wird. Der Musikwissenschaftler Anno Mungen lenkt den Fokus in seinem Buch jedoch auf Winifreds Sohn Wieland und dessen Wirken während der Kriegsjahre. Der Titel „Hier gilt’s der Kunst“ – ein Zitat aus den Meistersingern von Nürnberg – diente nach 1945 als bequemes Schutzschild, um die politische Instrumentalisierung der Festspiele in den Hintergrund zu rücken. Mungen zeigt jedoch eindrucksvoll, dass Wielands Aufstieg zum Regisseur untrennbar mit der Gunst des „Führers“ verbunden war.
Das Buch stützt sich auf teils neue Quellen und beleuchtet Wielands Aktivitäten in Nürnberg und Altenburg. Mungen zeichnet das Bild eines jungen Mannes, der im „Vorzimmer der Macht“ aufwuchs und Hitler als familiären „Onkel Wolf“ erlebte. Diese persönliche Nähe sicherte Wieland Privilegien: Während andere an die Front mussten, konnte er an seiner Karriere feilen. Er war kein passiver Mitläufer, sondern ein Profiteur des Systems, der die Nähe zur Macht nutzte, um sich als künstlerischer Erbe in Position zu bringen. Besonders beklemmend ist die Analyse der engen Verzahnung von Kriegspropaganda und Wagner-Kult, die Wieland aktiv mitgestaltete.
Mungens Schreibstil ist präzise und verzichtet auf reißerische Effekte, was die Fakten umso schwerer wiegen lässt. Er legt dar, wie Wieland Wagner bereits in den 1940er-Jahren ästhetische Konzepte entwickelte, die er später in „Neubayreuth“ als radikale Abkehr vom Vergangenen verkaufte. Das Buch zwingt den Leser dazu, die berühmte Entpolitisierung des Grünen Hügels neu zu bewerten: Sie war weniger ein Akt der Reue als vielmehr eine Überlebensstrategie. Wer die Geschichte Bayreuths und die Mechanismen von Kunst und Macht im Dritten Reich verstehen will, kommt an dieser kompakten, aber inhaltlich gewichtigen Studie nicht vorbei. Ein wichtiges Korrektiv zur Wagner-Rezeption, das zeigt, dass die Kunst niemals in einem vakuumversiegelten Raum fernab der Politik existiert.