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Buchtipp: Gegenwind auf dem Sommerdeich

Stürmische Zeiten auf meiner Hallig. Von Katja Just.

Hallig Hooge ist für Katja Just zur geliebten Heimat geworden. In ihrem neuen Buch nimmt sie uns mit in ihren Alltag inmitten des Wattenmeers und ihre Zeit als Hallig-Bürgermeisterin, in der ihr der Wind bisweilen kräftig ins Gesicht weht:

Wie meistert man den Spagat zwischen Traditionen, festgefahrenen Meinungen sowie den drängenden Fragen der Zukunft? Und was passiert, wenn die raue Nordsee nicht nur an den Warften, sondern auch am Zusammenhalt der Halligleute rüttelt?

Katja Just erzählt gewohnt offen, humorvoll und nachdenklich von den Stürmen des Alltags, von schwierigen Entscheidungen und von menschlichen und tierischen Weggefährten, die das Leben auf der Hallig so besonders machen. Sie zeigt uns, warum es sich lohnt, auch bei steifer Brise Haltung zu bewahren.

Eine Liebeserklärung an ein Leben im Rhythmus der Gezeiten, das jeden Tag aufs Neue herausfordert.

Details zum Buch
Die Autorin

Katja Just wurde in München geboren und lebt seit dem Jahr 2000 auf Hallig Hooge. Hier vermietet sie Ferienwohnungen und engagiert sich politisch und gesellschaftlich. Bis 2023 war sie Bürgermeisterin der Gemeinde Hallig Hooge. Ihre ersten beiden Bücher standen monatelang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Bibliografie

Verlag: Knaur HC

ISBN: 978-3-426-57307-5

Seiten: 224

Preis: 19,00 Euro

Katja Just beantwortet Fragen

Sie haben vor 25 Jahren die Welt der Luftfahrt in München mit der Welt der Gezeiten auf Hooge getauscht. Welchen Teil Ihres »Münchner Ichs« mussten Sie über Bord werfen, um jetzt sagen zu können: »Hallig kann nicht jeder – ich bin immer noch da«?

Katja Just: Bei der Lufthansa gab es Regeln und mein Tagesablauf war relativ klar definiert. Als selbständige Vermieterin auf Hooge, musste ich meine eigene Organisation und Struktur finden. In München waren Motorradfahren und Bergwandern meine große Leidenschaft. Beides nichts für die Hallig! Die Freiheit und Spontanität, die ich mit dem Motorradfahren verbunden habe, musste ich aufgeben. Statt durch Wälder oder auf Berge zu wandern, gibt es jetzt Spaziergänge am Meer. Dieser Naturgenuss ist mir zumindest in abgewandelter Form geblieben. Aber 1:1 ist tatsächlich nichts geblieben. Weder mein Job, noch meine Freizeitgestaltung. Spontanität in Bezug auf Ausflüge gibt es kaum. Und Anonymität und Alleinsein, wie ich es im Wald oder auf einer Bergwanderung genießen konnte, gibt es auf der Hallig definitiv nicht. Heute weiß ich, dass ich mein Halligleben nicht leben könnte, wenn ich Eigenschaften wie Disziplin, Haltung oder Offenheit nicht angenommen hätte und nicht leben würde. Das ist seit 25 Jahren eine neue Art von Ausbildung, der ich mich freiwillig und mit ganzem Herzen jeden Tag aufs Neue stelle.

Nach fünf Jahren an der Spitze der Gemeinde Hooge sind Sie nun wieder in der »zweiten Reihe« aktiv. War das Bürgermeisteramt für Sie letztlich eine Lektion in Demut oder eine Bestätigung Ihrer Skepsis gegenüber der modernen Anspruchsgesellschaft? Inwiefern ist engagieren Sie sich heute noch politisch?

Katja Just: Eine Bestätigung meiner Skepsis definitiv! Für Außenstehende ist es unvorstellbar, mit was sich ein ehrenamtlicher Bürgermeister alles beschäftigen muss und sich im besten Fall auch auskennen soll. Selbst ein Bürgermeister einer Halliggemeinde mit nur knapp einhundert Einwohnern. Die Verwaltungshürden sind die gleichen. Auch die Verantwortung die an das Amt gebunden ist, ist hoch. Eine Warftverstärkung ist ein Millionenprojekt. Als Auftraggeber unterschreibt der Bürgermeister den Vertrag. Zusammenarbeit mit Behörden und Ämtern, Verantwortung für den Haushalt, sowie Empathie und Führungsqualitäten – alles nebenbei und ehrenamtlich. Weit bevor ich die Qualitäten eines ehrenamtlichen Bürgermeisters bewerte, ziehe ich erst einmal meinen Hut, um diesem meinen Respekt zu zollen, so ein Amt neben seinem Job und neben seinen familiären Aufgaben zu übernehmen. Und das in einer Zeit, in der der gute Ton und der Respekt kaum noch Gewicht haben und Ansprüche der Gesellschaft ständig lauter werden. Dementsprechend ist meine Skepsis, wie lange dieses Ehrenamt noch unter diesen Bedingungen erfüllt werden soll, nach meiner eigenen Amtszeit weiterhin gewachsen. Ich kann mir kaum noch vorstellen, dass sich dafür noch leicht Menschen finden lassen.

Ich bin jetzt in der Ausschussarbeit aktiv und engagiere mich mit Herzblut für repräsentative Aufgaben rund um die Hallig. Sei es im Geschichts- und Kulturverein oder auch in der Trachtengruppe. Beides ist eng mit der Hallig verbunden und macht Spaß.

Der Titel »Gegenwind auf dem Sommerdeich« suggeriert Widerstand. Inwiefern ist das heutige Halligleben ein ständiger Kampf – vom »Blanken Hans« bis hin zu Konflikten unter den Halligleuten?

Katja Just: Mein ständiger Kampf bezieht sich mehr auf die moderne Anspruchsgesellschaft, als auf die klimatischen Veränderungen rund um die Halligwelt. Letzteres spielt natürlich langfristig eine existentielle Rolle, gerade dann, wenn man in einem tiefliegenden Reetdachhaus lebt. Dennoch fühlt sich das anders an. Natürlicher Gegenwind, natürliche Stürme gehören zum Leben mitten in der Nordsee dazu. Aber der menschengemachte Gegenwind, der sich zu einem Sturm auswachsen kann, geht tiefer. Wenn sich Menschen bewusst dazu entscheiden, dir Steine in den Weg zu legen oder schlecht über dich zu reden oder dir immer wieder vorhalten, was du alles falsch machst, ist unterm Strich verletzender. Ich werde es nie begreifen, wie sich Menschen in den sogenannten sozialen Netzwerken auslassen, obwohl sie oftmals in keinster Weise über Fakten verfügen. Und ich ertrage es auch nur noch bedingt, sich gerade im Rahmen der politischen Arbeit, immer wieder Forderungen aussetzen zu müssen, aber im Vergleich, kaum aktive und vor allem konstruktive Unterstützung zu erfahren. Konflikte untereinander sind ja kein Halligphänomen. Hier spielt allerdings die Enge auf unserem kleinen Eiland eine große Rolle. Aus dem Weg gehen kann man sich nicht. So bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als einen Weg des Miteinanders zu finden. Ich baue hier für mich auf Reflexion, aber auch auf Aushalten. Aussitzen und sich zurückziehen geht auch, halte ich aber für den schlechteren und vor allem ungesünderen Weg. Und in so einer kleinen Gemeinschaft ist es eigentlich schade, auf irgendjemanden verzichten zu müssen, denn jeder Mensch hat seine Stärken, die er einbringen sollte und die alle weiterbringen könnten.

Ihr Garten am Landsende ist Ihr persönlicher Rückzugsort, sie schreiben von tierischen Weggefährten und der Natur, die das Leben auf der Hallig so besonders machen. Inwiefern ist dieses Buch auch eine Liebeserklärung an Hooge und warum sind die Halligen für ein Sehnsuchtsort?

Katja Just: Den natürlichen Kreislauf von Leben und Sterben, Kommen und Gehen, Aktivsein und Ruhen, so nah erleben zu können wie hier, kann ich mir kaum an einem anderen Ort vorstellen. Wenn mit dem Frühjahr Farben und Leben Einzug halten oder ab Herbst, der Vogelzug gen Süden startet und es wieder farblos und ruhig auf der Hallig wird, freue ich mich fast schon selbst auf die Winterruhe, um wieder etwas durchschnaufen zu können. Irgendwie ist man hier an allem näher dran, das Leben ist intensiv. Die vier Jahreszeiten allein durch den Blick durchs Fenster in meinem Garten zu beobachten, lässt mich selbst Lebendigkeit spüren.

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