Ausstellungstipp: Sehnsucht nach Utopia
Nach den großen Caspar David Friedrich Ausstellungen in seinem 250-Jahr-Jubiläum bietet das Arp Museum Bahnhof Rolandseck nun einen Überblick über die deutsche Malerei und Skulptur der Romantik. Rund 70 Werke, von den Anfängen um 1770 bis zur Neoromantik um 1900, illustrieren drei zentrale Themen der Epoche: die romantische Liebe, Traum und Albtraum und die Suche nach der verlorenen Einheit von Mensch und Natur.
Meisterwerke von Carl Spitzweg und Friedrich Nerly bis zu Arnold Böcklin und Hans Makart stehen exemplarisch für diese Schaffenszeit zwischen der Ratio der Aufklärung und der Romantisierung des Lebens. Den Mittelpunkt bildet das Individuum mit der Kraft seiner Fantasie, die, so Novalis, die Welt aus dem eigenen Ich heraus zu formen und zu bewegen vermag. Es gilt eine Einheit von Vernunft und Gefühl, Wirklichkeit und Transzendenz zu schaffen, Sehnsüchte und Utopien zu verwirklichen.
Wie kein anderer Begriff ist die romantische Liebe heute noch in unserem Wortschatz und als Sehnsucht in unserer Gesellschaft verankert. Die Entwicklung von der pragmatischen Zweckehe hin zu einem Liebesideal und der Suche nach einem Seelenverwandten ist ein wichtiger Topos am Ende des 18. Jahrhunderts. Goethes populärer Text „Die Leiden des jungen Werther“ ist der Ausgangspunkt. Wie so oft in der Romantik, und dies zeigt auch die Ausstellung durch ihre Exponate, ist die Literatur das Fundament für die Bildende Kunst und für die Musik. Maler wie Johann Nepomuk Geiger und Adolf Schroedter setzen die großen Liebesdramen und Komödien der Weltliteratur von Shakespeare bis Faust ins Bild. Mit viel Witz und Ironie beleuchten aber auch drei Gemälde von Carl Spitzweg und Johann Peter Hasenclever die Irrungen und Wirrungen der Liebe im Alltag des Biedermeier – von der unglücklich verliebten Mondsüchtigen frei nach Hauff über einen abgefangenen Liebesbrief bis zum zerstrittenen Paar am heimischen Tisch.
Wie nie zuvor gewinnen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Traum und Albtraum an Bedeutung. Oft genug eröffnen sich dahinter seelische Abgründe. Die fantastischen Welten und Wesen, die die Albträume zu Tage bringen, sind Projektionsfläche der eigenen Psyche. Befeuert durch die destabilisierenden napoleonischen Kriege wächst die Sehnsucht nach der vorindustriellen, vermeintlich guten alten Zeit. Vorbild werden die Dürerzeit und die Renaissance: Sie werden in den Kunst und Volksmärchen der Romantik wiederbelebt, die reich illustriert werden. Von dort aus beginnt man in der Malerei, Skulptur, Architektur und Musik die Welt zu romantisieren. Auf den Ruinen der Rheinburgen werden neugotische Traumschlösser und Burgen errichtet. Manche von ihnen existieren als Utopie nur auf dem Papier wie die Gralsburg von Karl Friedrich Schinkel oder das Schloss auf dem Apollinarisberg vom Kölner Dombaumeister Ernst F. Zwirner – beide hier in der Ausstellung.
Die zunehmende Verstädterung und Industrialisierung erweckten bei vielen Menschen des späten 18. Jahrhunderts zudem das Bedürfnis nach Unschuld und Reinheit – man kann es den Beginn eines ökologischen Denkens nennen. Viele pilgern, wandern – oft ziellos auf der Suche nach dem großen Ganzen wie Oswald Achenbachs Dame, die in die lichtvolle Tiefe des Waldes schaut oder in meditativer Einkehr wie Spitzwegs Betender, der mit der ihn umgebenden Natur geradezu verschmilzt. Sie erklimmen Berge wie Rohdes Jäger, spazieren wie Jean-Jacques Rousseau, Ludwig Tieck oder Caspar David Friedrich in die unberührte Natur. Auf der Suche nach sich selbst dient sie ihnen als Spiegel der Seele und ihrer Abgründe.
Das Gedankengut der Romantik, ihre Sehnsüchte und Utopien leben noch lange weiter und erfahren derzeit viel Interesse, Deutung und Aktualisierung: Ist es die Sehnsucht nach einer unberührten Natur, die uns angesichts von Bebauung, Umweltverschmutzung und Klimawandel treibt? Der Wunsch nach Rückzug in eine innerliche Welt, die dem Lärm der Zeit und ihrer Geschwindigkeit zu trotzen vermag? Oder ein Ohnmachtsgefühl angesichts einer überrationalen Komplexität, auf die es keine einfachen Antworten geben kann? Vielleicht bietet die Romantik ein Gegengewicht zu einem allumfassenden, bedrohlichen Gefühl, dem Verdacht, das ganze Weltgefüge könnte ins Schlingern geraten.




