Altersvorsorge 2027: Warum der Wunsch nach Sicherheit zur Renditefalle werden kann
Mit dem neuen Altersvorsorgedepot soll die private Vorsorge einfacher und chancenreicher werden. Doch viele Menschen tendieren ausgerechnet zu jenen Garantieprodukten, die langfristig die Erträge schmälern könnten – und damit alte Riester‑Probleme wiederbeleben.
Ab 2027 startet in Deutschland ein neues Kapitel der privaten Altersvorsorge. Das Altersvorsorgedepot ersetzt die Riester-Rente und soll Sparern ermöglichen, staatlich gefördert in Fonds und ETFs zu investieren. Weniger Komplexität, geringere Kosten und höhere Renditechancen – so lautet das politische Versprechen. Doch schon jetzt zeigt sich ein Spannungsfeld, das die Reform bremsen könnte: Viele Menschen wünschen sich Garantien, die genau jene Renditen begrenzen, die das neue System eigentlich freisetzen soll.
Eine gemeinsame Untersuchung der Universitäten Kassel und Paderborn verdeutlicht diesen Widerspruch. Zwar können sich drei Viertel der Befragten vorstellen, das neue Depot zu nutzen. Gleichzeitig bevorzugt die Mehrheit Produkte mit Beitragsgarantie. Fast die Hälfte würde ein Modell mit vollständiger Absicherung wählen, weitere 40 Prozent tendieren zu einer 80‑Prozent‑Garantie. Das kostengünstige Standarddepot oder das frei gestaltbare Depot ohne Garantie rangieren deutlich dahinter.
Für die Forschenden ist das ein Warnsignal. Denn Garantien bedeuten, dass Anbieter vorsichtiger investieren müssen – mit weniger Aktienanteil, mehr Anleihen und zusätzlichen Kosten für das Risikomanagement. Genau diese Mechanismen hatten die Riester-Rente über Jahre ausgebremst. Die Folge: geringe Erträge trotz langer Laufzeiten und hoher Gebühren.
Auch Verbraucherschützer mahnen, dass Garantien oft teuer erkauft werden. Der Verbraucherzentrale Bundesverband begrüßt ausdrücklich, dass künftig auch Auszahlpläne ohne Garantie möglich sind. Beim Geldratgeber Finanztip heißt es sogar, Garantieprodukte seien für langfristige Vorsorge ungeeignet, weil sie die Chancen des Kapitalmarkts systematisch beschneiden.
Einige Anbieter der neuen Vorsorge sehen das ähnlich. Sie argumentieren, dass breit gestreute Aktienanlagen über Jahrzehnte historisch robuste Ergebnisse geliefert haben. Studien zum MSCI World zeigen: Wer mindestens 15 Jahre investiert blieb, erzielte in der Vergangenheit keinen Verlust – im Durchschnitt sogar rund acht Prozent Rendite pro Jahr. Zwar gibt es keine Garantie für die Zukunft, doch das langfristige Risiko gilt als überschaubar.
Gleichzeitig betonen Versicherer, dass viele Menschen ohne Garantien gar nicht erst vorsorgen würden. Eine 80‑Prozent‑Garantie könne ein Mittelweg sein: etwas Sicherheit, etwas Renditechance. Entscheidend sei, dass die Garantiepflicht entfällt und Sparer selbst wählen können.
Ein Punkt wird jedoch häufig unterschätzt: die Inflation. Eine Garantie, die lediglich den nominalen Beitrag schützt, sichert nicht die Kaufkraft. Wer in 40 Jahren denselben Betrag zurückerhält, hat real deutlich weniger Vermögen. Für die Altersvorsorge zählt daher vor allem, wie viel Vermögen nach Kosten und Inflation tatsächlich entsteht.
Wie groß der Unterschied sein kann, zeigt eine Modellrechnung: Bei 35 Jahren Laufzeit und 150 Euro Monatsbeitrag ergibt sich bei 5,5 Prozent Rendite ein Vermögen von rund 183.000 Euro. Sinkt die Rendite auf 3,5 Prozent – ein typischer Effekt von Garantieprodukten –, bleiben nur etwa 121.000 Euro. Der Preis der Sicherheit beträgt also mehr als 60.000 Euro.
Die Forschenden fordern deshalb mehr Transparenz: Sparer sollten vor Vertragsabschluss klar erkennen, welche Vermögensverluste eine Garantie langfristig verursachen kann. Denn die Reform bietet grundsätzlich große Chancen – vorausgesetzt, die Menschen entscheiden sich nicht aus Angst vor Schwankungen erneut für Produkte, die ihre Rendite begrenzen.